Vita Heinz Sielmann

In den ersten Jahren seines Wirkens waren es die Verhaltensweisen der Tiere, die Heinz Sielmann den Menschen in seinen Filmen nahebringen wollte. Doch im Laufe der Jahre entwickelte er sich vom ehrgeizigen Verhaltensforscher zu einem engagierten Naturschützer. Die Erfahrung seines Lebens offenbarte ihm, wie sehr die letzten Paradiese unserer Erde bedroht sind.
Heinz Sielmann wurde am 2. Juni 1917 in Rheydt bei Mönchengladbach geboren. Seine Mutter stammte aus Lausanne in der französischen Schweiz, sein Vater war Chemiker und kam aus Ostpreußen. Als die Familie nach Königsberg zog, in die Heimat des Vaters, war Heinz Sielmann sieben Jahre alt. Erste Expeditionen ins Tierreich unternahm der Junge im heimischen Garten und zusammen mit dem Vater bei Ausflügen zum Angeln. Doch es war die Welt von Kiebitz, Rotschenkel und anderen Wiesenvögeln, die ihn am meisten faszinierte, und mit einer Mentor-Spiegelreflexkamera entstanden bald die ersten Fotos.

Heinz Sielmann mit einer Mentor-Spiegelreflexkamera
Heinz Sielmann mit seiner ersten Mentor-Spiegelreflexkamera.

Zwei Männer beeinflussten den Lebensweg Heinz Sielmanns entscheidend: Als er die Herbstferien in der Vogelwarte Rossitten auf der Kurischen Nehrung verbrachte, lernte er Prof. Dr. Erwin Stresemann vom Museum für Naturkunde in Berlin kennen, und Forstmeister Dr. Horst Siewert, Leiter der „Forschungsstätte Deutsches Wild“, ein Pionier von Filmen über die Verhaltensweisen von Tieren. Beide waren Förderer und Ansporn für den jungen Ornithologen.

Sielmanns erste Filmkamera war ein Geschenk seiner Eltern zum Abitur, und mit 21 Jahren drehte er seinen ersten Film: „Vögel über Haff und Wiesen“ war ein Erfolg.

Film- und Forschungsarbeit während des Krieges
Mit Beginn des 2. Weltkriegs wurde Sielmann zum Wehrdienst einberufen und war als Funklehrer in Posen tätig. Für seine gute Leistung erhielt er die Erlaubnis, vier Semester Biologie zu studieren. Ein Filmauftrag war es, der ihn 1943 vor einem Fronteinsatz bewahrte: Horst Siewert, sein großes Vorbild, war bei den Dreharbeiten zu einem Dokumentarfilm über die Tierwelt Kretas gestorben, und Heinz Sielmann erhielt den Auftrag, die Arbeit zu Ende zu führen. Nach dem Ende des Krieges brachten ihn die Engländer nach London, wo sein Filmmaterial für einen Dokumentarfilm bearbeitet wurde.

Traumberuf Regisseur und Kameramann
1947 kehrte Sielmann nach Deutschland zurück, um in Hamburg beim „Institut für Film und Bild in Wissenschaft und Unterricht“ als Regisseur und Kameramann biologische Unterrichtsfilme zu produzieren. Sein erster Kinofilm, „Lied der Wildbahn“, wurde 1949 uraufgeführt. In Hamburg lernte er auch Inge Witt kennen, seine zukünftige Frau; die beiden heirateten 1951 und folgten im selben Jahr dem Institut für Film und Bild nach München. In dieser Zeit arbeitete Sielmann zudem am Institut des Verhaltensforschers Prof. Konrad Lorenz in Buldern: hier entstanden in Zusammenarbeit mit Dr. Irenäus Eibl-Eibesfeld Unterrichtsfilme wie „Zimmerleute des Waldes“ und „Im Hamsterrevier“. Sielmanns Traum von Afrika ging in Erfüllung, als er 1957 im Auftrag des belgischen Königs Leopold III. Regie führte bei einem Naturfilm über Belgisch Kongo, dem heutigen Zaire.

Heinz Sielmann bei den Filmarbeiten zum \"Hamsterrevier\"
Um „under controlled conditions" filmen zu können, fertigte Heinz Sielmann in den 1950er Jahren einen Hamsterbau aus Zement an.
Schritt in die Selbstständigkeit
1960 ging Sielmann den Schritt in die Selbstständigkeit, unterstützt von den Partnern BBC, NDR, National Geographic Society, dem Institut für den Unterrichtsfilm und dem Institut für den wissenschaftlichen Film. Die Reisen für seine Filme dauerten oft mehrere Jahre und führten Sielmann nach Galapagos, Australien, Neu Guinea, durch den Nordamerikanischen Kontinent bis in die kanadische Arktis und schließlich 1988 in die Antarktis. Seine Reihe „Expeditionen ins Tierreich“ entwickelte sich zu einer festen Institution: seit den 70er Jahren sendete die ARD mehr als 170 Folgen.

Engagement für die Natur
Die langen Jahre intensiver Natur-Dokumentation waren zugleich eine Zeit, in denen Sielmann zunehmende Naturzerstörung beobachtete. Aus seinem Engagement für den Naturschutz entstanden in Zusammenarbeit mit dem NDR die beiden Filme: „Tiere im Schatten der Grenze“ und „Naturschutz in Deutschland – wie retten wir unsere Zukunft?“. In den Sendereihen „Sielmann 2000“ für RTL und „Sielmann Report“ für SAT.1 griff Sielmann aktuelle ökologische Themen auf. 1994 gründete er mit seiner Frau die Heinz Sielmann Stiftung, die sein Lebenswerk fortführt. Drei Ziele sind die Säulen der Stiftung: Refugien bewahren, junge Menschen für den Naturschutz begeistern und der Aufbau des „Heinz-Sielmann-Archivs des Naturfilms“.

Heinz Sielmann und Wolf Lojewski bei Dreharbeiten
Heinz Sielmann dokumentierte gemeinsam mit Wolf von Lojewski 1990 die verheerenden Folgen der Exxon Valdez-Ölkatastrophe vor der Küste Alaskas.

Das Lebenswerk Heinz Sielmanns umfasst etwa 30 Unterrichtsfilme und 100 Dokumentationen; er schrieb mehr als 30 Bücher und seine großen Kinofilme wurden weltweit in 25 Sprachfassungen gezeigt. Ab 1994 hielt Sielmann als Honorarprofessor Vorlesungen an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Zu seinen zahlreichen Auszeichnungen gehören fünf Deutsche Bundesfilmpreise und damit das Filmband in Gold, der Goldene Bär der Filmfestspiele Berlin, der Bambi sowie das Große Verdienstkreuz mit Stern des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland.

Prof. Heinz Sielmann starb am 6. Oktober 2006. Seine Grabstätte befindet sich heute in der Franz-von-Assisi-Kapelle auf Gut Herbisghagen, dem Sitz der Stiftungszentrale, bei Duderstadt. Seine Frau lebt in München. Sie vollendete 2010 ihr 80. Lebensjahr.

Tabellarische Vita

1917: Geboren am 2. Juni in Rheydt (heute Mönchengladbach)
1924: Umzug der Familie nach Königsberg in Ostpreußen
1934: erste Tierfotografien
1937: Mitarbeit an der Vogelwarte Rossitten (heute: Rybatschi/ Russland) auf der Kurischen Nehrung; erste Vorträge in Rossitten und Königsberg
1938: Abitur, erste Filmkamera und Film „Vögel über Haff und Wiesen“
1939: Wehrdienst
1941 - 42: Beurlaubung vom Wehrdienst zum Studium der Biologie an der „Reichsuniversität Warthegau” in Posen (Poznán)
1943: erstes Buch „Vögel über Haff und Wiesen”
1944 - 45: Dreharbeiten auf Kreta als Angehöriger der Wehrmacht
1945: Kriegsgefangenschaft und Verlegung nach Kairo, danach nach London
1946: Bearbeitung des Filmmaterials von Kreta in London für eine dreiteilige Dokumentation
1947: Rückkehr nach Deutschland, zunächst Anstellung bei der British Film Division, dann auf Empfehlung britischer Militärs Versetzung an das „Institut für Film und Bild in Wissenschaft und Unterricht” in Hamburg als Kameramann und Regisseur
1948/49: Dreharbeiten für „Lied der Wildbahn”
1950: Kinostart von „Lied der Wildbahn”
1951: Dreharbeiten für „Quick, das Eichhörnchen”, Hochzeit mit Inge Witt und Umzug nach München, dem Sitz des 1950 neu gegründeten „Institut für Film und Bild in Wissenschaft und Unterricht” (FWU)
1952: Beginn der Zusammenarbeit mit Konrad Lorenz und dem Max-Planck-Institut für Verhaltensphysiologie in Buldern, Bundesfilmpreis für „Quick, das Eichhörnchen”
1953/54: Dreharbeiten für „Zimmerleute des Waldes“
1954: Geburt des Sohnes Stephan, Beginn der Zusammenarbeit mit dem Fernsehen; Bundesfilmpreis für „Konzert am Tümpel”
1955: Dreharbeiten für „Wiesensommer”, Bundesfilmpreis für „Zimmerleute des Waldes”
1956: erste Fernsehsendungen in Zusammenarbeit mit dem NDR, Wiederaufnahme des Biologie-Studiums in München, Bundesfilmpreis für „Die Iltiskoppel”
1957: 1. Preis für den besten Naturfilm auf den Filmfestspielen in Cannes für „Wiesensommer”
1957/58: Aufnahmen im Auftrag des belgischen Königshauses im damaligen Belgisch-Kongo für „Herrscher des Urwalds“
1959: Kinostart von „Herrscher des Urwalds”; Dreharbeiten zu „Im Dorf der weißen Störche”
1960: Trennung vom FWU, selbständiger Produzent, Autor, Kameramann und Regisseur, erste Sendung „Expeditionen ins Tierreich”, NDR
1960/61: Dreharbeiten auf den Galapagos-Inseln; Goldlorbeertrophäe (David O. Selznik-Preis) und 1. Preis der Filmfestspiele Moskau für „Herrscher des Urwalds”
1962: Dreharbeiten am Max-Planck-Institut für Verhaltens-forschung, Bundesfilmpreis/Filmband in Gold, Großer Preis der Internationalen Filmfestspiele in Trento (Italien), Deutscher Jugendfilmpreis und Deutscher Filmpreis/ Filmband in Gold für „Galapagos – Trauminseln im Pazifik, Silberner Bär der Internationalen Filmfestspiele Berlin für „Galápagos”
1963: Kinostart „Galapagos – Trauminseln im Pazifik“
1963/64: Dreharbeiten auf Neuguinea und in Australien
1965: Ehrenmitgliedschaft in der Deutschen Ornithologen-Gesellschaft
1966: Dreharbeiten in der kanadischen Arktis und in anderen Regionen Nordamerikas für den Film „Lockende Wildnis”, Cherry Kearton-Medaille der Royal Geographic Society, London
1967: Beginn der Zusammenarbeit mit der National Geographic Society für Fernsehfilme (NGS Specials)
1968: Dreharbeiten in Asien (Komodo, Thailand, Indien, Pribilof-Inseln) und Afrika für die NGS Specials
1969: Kinostart „Lockende Wildnis”; Präsentation der NGS Specials „The Winged World”, „The Mystery of Animal Behavior” und „Reptiles and Amphibians” in den USA
ab 1970: Produktion zahlreicher Fernseh- und Unterrichtsfilme über die heimische Tierwelt (u.a. für „Expeditionen ins Tierreich“)
1972: Christopher Award (USA)
1975: „Goldener Bildschirm” der Zeitschrift „TV Hören und Sehen“
1977: „Goldene Blume von Rheydt“, Preis des Deutschen Jagdschutz-Verbandes für Öffentlichkeitsarbeit
1978: Tod des Sohnes Stephan, Verleihung der „Franz von Assisi-Medaille“
1978 - 81: Herausgeber der Buchreihe „Knaurs Tierleben”
1982: 100. Sendung „Expeditionen ins Tierreich”, neben Bernhard Grzimek Mitherausgeber der Zeitschrift „Das Tier”, „Goldene Kamera” für „Expeditionen ins Tierreich”
1983: Berufung in das Council des Word Wildlife Fund (WWF), „Silberner Reiher” des Forschungsinstituts Wilhelminen-berg/Wien, „Bambi” für den besten abendfüllenden Naturfilm
1984: Verleihung des „Wild Screen Award of Honour”
1986: Verdienstkreuz des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland 1. Klasse
1988: Dreharbeiten in der Antarktis; Aufnahmen für „Tiere im Schatten der Grenze”, Dr. Fritz Steiniger-Preis der Gesellschaft Deutscher Tierfotografen, Kulturpreis der Landsmannschaft Ostpreußen
1989: Jakob Kaiser-Preis für „Tiere im Schatten der Grenze”
1990: Auszeichnung mit dem „Bambi” für sein Lebenswerk
1991: 21. Juni: 152. und letzte Sendung von „Expeditionen ins Tierreich” mit Heinz Sielmann, dann Trennung vom NDR, Beginn der Zusammenarbeit mit RTL für „Sielmann 2000 – Rückkehr in die Zukunft", Ehrenpreis des Deutschen Tierschutzbundes
1992: Ehrenurkunde für besondere Verdienste des WWF
1992/1993: Produktion von zwei Filmen von „Der Heinz Sielmann Report” bei SAT.1
1993: Großes Verdienstkreuz des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland, „Goldene Arche”-Orden, Hamburger Preis für Jagdpolitik
1994: Gründung der „Heinz Sielmann Stiftung”, Ernennung zum Honorarprofessor an der Ludwig-Maximilians-Universität München, Verleihung des Niedersächsischen Ehrenpreises für Leistungen um Jagd und Natur
1996: Produktion von vier Filmen für „Sielmanns Abenteuer Natur” bei SAT.1
1997: Großes Verdienstkreuz mit Stern des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland, „Honorary Member The Order of Alexander the Great“
2001: Görlitzer Meridian Naturfilmpreis, Urania-Medaille der Urania Berlin, Eröffnung der Ausstellung über das Lebenswerk „Heinz Sielmann – Ein Leben für die Natur“ im Ostpreußischen Landesmuseum Lüneburg
2002: „München leuchtet“-Preis der Stadt München, „Mutmacher-Preis“ des Vereins Mensch – Umwelt – Tier e.V., Ehrenpreis beim 1. Deutschen Naturfilm-Festival im Bayrischen Wald
2003: Eröffnung der Ausstellung über das Lebenswerk im neuen Natur-Erlebnishaus auf Gut Herbigshagen bei Duderstadt; Produktion der „Galápagos“-DVD und -VHS, Verleihung der Bayerischen Umweltmedaille
2004: Verdienstkreuz 1. Klasse des Niedersächsischen Verdienstordens, B.A.U.M. Umweltpreis
2005: Verleihung des Verdienstordens des Landes Brandenburg („Roter-Adler-Orden“), Verleihung des Umweltpreises 2005 der DBU (Deutsche Bundesstiftung Umwelt) „Ehrenpreis Lebensleistung“
2006: Verleihung des Steiger Award

Als Gründer der Heinz Sielmann Stiftung und Vorsitzender des Stiftungsrates hatte Prof. Heinz Sielmann folgende Aufgaben inne: Initiierung und Unterstützung von Biotop- und Artenschutzmaßnahmen in Deutschland und im europäischen Ausland, z. B. Flächenerwerb in Brandenburg (Sielmanns Naturlandschaft Wanninchen, Sielmanns Naturlandschaft Groß Schauener Seen, Sielmanns Naturlandschaft Döberitzer Heide), Ausbau des Biotopverbund Bodensee, Vogelschutzprojekte in Russland (Rybatschi) und Süditalien, Natur-Erlebniszentrum Gut Herbigshagen. Diese Aufgaben sind nach seinem Tod an Inge Sielmann als seine Nachfolgerin im Stiftungsrat übergegangen.

Download:

Heinz Sielmann – Ein Leben für die Natur (PDF: 3 MB) Auszeichnungen von Prof. Heinz Sielmann (PDF: 128 Kb)