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Artensterben per Anordnung

Nach einer Eilanordnung des zuständigen Landesamts wird ein Kiefernforst im brandenburgischen Niemegk mit dem Insektizid „Karate Forst flüssig“ besprüht. Insektenspezialist Dr. Hannes Petrischak, Biologe bei der Heinz Sielmann Stiftung, ordnet das Geschehen ein.

Gleich alt, gleichförmig, ohne Kraft: Kiefernforste sind Holzfabriken und auf maximalen Ertrag ausgerichtet. Foto: AdobeStock.com, Dariusz Leszczyríski

Wälder mit Insektengift zu besprühen, ist unverantwortlich. Es ist vielfach aufgezeigt worden, dass als "Kollateralschäden" in erster Linie seltene Waldschmetterlingsarten dort ausgerottet wurden, wo man schädliche Arten bekämpft hat. Und die natürlichen Gegenspieler wie Schlupfwespen leiden oft sogar stärker unter dem Einsatz als die Raupen, die man eigentlich bekämpfen will. Ein naturnaher Waldumbau mit einem hohen Laubholzanteil würde den Wald viel weniger anfällig für Schädlinge oder auch Feuer machen, als es die Kiefern-Monokulturen heute sind. Forstwirtschaft und Politik haben Forschungsergebnisse und Handlungsempfehlungen jahrelang ignoriert, statt sich auf die Zukunft mit den bereits jetzt spürbaren Folgen des Klimawandels, vorzubereiten.

Artensterben: Ist es schon fünf nach zwölf?

Tatsächlich beobachten wir mittlerweile das Verschwinden von Populationen, Arten und Lebensräumen in  dramatischem Ausmaß. Die Landschaften werden stiller, weil der Gesang der Vögel verstummt, sie werden eintöniger, weil es kaum noch Wiesen mit bunten Blumen und Schmetterlingen oder anderen Insekten gibt. Wenn namhafte Studien zeigen, dass wir in Deutschland in den letzten 200 Jahren rund 80 Prozent unserer Vögel, in den letzten 30 Jahren rund 75 Prozent der Masse an Insekten, in den letzten 65 Jahren rund 98 Prozent unserer Wiesen verloren haben, kann man die Situation nur als dramatisch bezeichnen. Die Wiesen, über die man als Kind tobte, sind heute Maisäcker, die man getrost als klinisch tot bezeichnen kann. Großstädte mit Parks und Gärten sind inzwischen viel artenreicher als das Land.

Das Recht auf zivilen Ungehorsam nutzen

Volksbegehren, Schülerproteste, wissenschaftliche Ergebnisse wie aus der Krefelder Studie oder dem Weltbiodiversitätsrat erzeugen inzwischen eine gesellschaftliche Stimmung und auch politische Wahrnehmung, die endlich zu konkretem Handeln für einen wirkungsvollen Schutz von Biodiversität und Klima führt. Weitere ungenutzte Jahre wären fatal. Wähler und Zivilbürger müssen sich dafür einsetzen, dass sich die Agrarsubventionen viel stärker am Erhalt der Biodiversität orientieren und nicht deren Vernichtung belohnen. Wir müssen bewusster konsumieren und können beispielsweise regionale Produkte aus ökologischer Landwirtschaft bevorzugen. Wir können unseren Garten und unseren Balkon mit einfachen Mitteln naturfreundlicher gestalten: Einheimische, übers Jahr verteilt blühende Sträucher und Stauden pflanzen; Strukturen mit Trockenmauern, Teichen oder Reisighaufen schaffen; Nisthilfen für Wildbienen anlegen; aromatische Küchenkräuter pflanzen und zur Blüte kommen lassen; auf den Einsatz von Pestiziden verzichten; den Rasen nicht düngen und - zumindest in Teilbereichen - seltener mähen, so dass sich Wiesenpflanzen einstellen und zur Blüte kommen; möglichst wenig Fläche total versiegeln (viele Wildbienen nisten gern in sandigem Boden, auch auf Wegen); Wildblumensaatmischungen ausbringen und vieles mehr. Uns bleibt keine Zeit mehr für Ausflüchte, wir müssen jetzt handeln, um das Klima und die Artenvielfalt und damit unsere Lebensgrundlagen zu schützen. Die Zivilgesellschaft und die Politik sollten diese Grundsätze schnellstmöglich in allen Lebensbereichen umsetzten. Davon sind Landesämter und Genehmigungsbehörden nicht ausgenommen.

Petition unterschreiben: Kein Gift in Brandenburgs Wäldern