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Reichtum der Obstbaumvielfalt in der Bodenseeregion bedroht Studie der Heinz Sielmann Stiftung stellt über 100 Sorten fest, von denen ein Viertel im Bestand gefährdet ist

22.04.2009, Überlingen. Eine von der Heinz Sielmann Stiftung in Auftrag gegebene Untersuchung über Kernobstsorten im Gebiet des Biotopverbundes Bodensee ergab eine Zahl von über 100 unterschiedlichen Apfel- und Birnensorten. Bei 59 dieser alten Obstsorten konnte im Untersuchungsgebiet nur noch ein einziger Baum ermittelt werden. Dabei ist Obst eines der wichtigsten Nahrungsmittel und eine bedeutende Kulturleistung. Seit etwa 2000 v. Chr. haben Menschen durch Auslese und Veredelung von Wildobstarten zur Entstehung unzähliger Sorten beigetragen.

„Die Untersuchung bestätigt unser Bemühen, noch vorhandene Streuobstwiesen als wertvolle Biotope gezielt mit Jungbäumen zu ergänzen und zu verjüngen“, erklärt Walter Stelte, Vorstand der Heinz Sielmann Stiftung. „Diese Maßnahmen bilden einen Teil unseres Projektes Biotopverbund Bodensee."

Die Untersuchung ergab, dass ein Viertel der wertvollen alten Kulturobstsorten verloren zu gehen droht. Von den rund 100 Sorten – 53 % der untersuchten Bäume waren Apfelsorten und 47 % Birnensorten – ließen sich 75 % einer in der Literatur beschriebenen Sorte zuordnen. Selbst diese sind allerdings selten geworden. Wer erinnert sich noch an die Träublesbirne, die Rote Pichelbirne, den Rambur Mortier, Raafs Liebling oder den Pomme d´Or? Selbst der Salemer Klosterapfel konnte nur an einem einzigen Standort gefunden werden.

Nur 14 % der Sorten wurde häufig, d.h. mit mehr als zehn Bäumen ermittelt, darunter eher unbekannte Sorten wie der Danziger Kantapfel, die Goldrenette, die Oberösterreicher Weinbirne, der Transparent aus Croncels. Dagegen waren 79 % selten, d.h. nur noch in 1 bis 3 Exemplaren zu finden. Am weitesten verbreitet und am wenigsten gefährdet sind der Boskoop und die Schweizer Wasserbirne. Teilweise wurden auch stark überalterte Baumbestände vorgefunden, die aufgrund ihrer geringen Vitalität in naher Zukunft abgeholzt zu werden drohen. Die Erhaltung dieser Obstsorten ist ein wichtiger Beitrag zur Erhaltung der Biodiversität.

Die Obstkultivierung ist ebenso wie der Getreideanbau eine der bedeutendsten Kulturleistungen der Menschheit. Kulturobstsorten werden vegetativ vermehrt. Dabei wird einer aus einem Apfel- oder Birnensamen bezogenen „Unterlage“ ein Edelreis einer Kultursorte aufgepfropft oder eine Knospe („Auge“) eingesetzt. In ganz Deutschland existieren rund 3.000 Obstsorten von denen etwa 60 eine größere Bedeutung als Tafel- oder Wirtschaftsobst haben.

Zur Methodik der Untersuchung

Bei der Untersuchung erfolgte im Untersuchungszeitraum zunächst eine grobe Erfassung der Obstbaumvorkommen mittels Luftbildaufnahmen. Anschließend wurden die Obstbäume in der Landschaft einzeln und flurstücksgenau erfasst und die Sorten bestimmt. In der Untersuchung wurde der Grad der Gefährdung aus fünf Parametern ermittelt: Häufigkeit der Sorte in der Region und überregional (häufig, zerstreut, selten), Zahl der Regionen mit entsprechenden Sorten-Vorkommen, sowie die Präsenz in Sammlungen und die Verfügbarkeit in Baumschulen (viele, vereinzelt, keine). Um zu einer Kennzahl zu gelangen, wurden dann die Boniturzahlen aller verwendeten Kriterien zusammengezählt und durch die Anzahl der verwendeten Kriterien geteilt, d.h. alle Kriterien wurden gleich gewichtet.

Sielmanns Biotopverbund Bodensee

Die Heinz Sielmann Stiftung realisiert seit 2004 im nordwestlichen Bodenseeraum auf einer Fläche von rund 300 Quadratkilometern das aus etwa 80 Einzelmaßnahmen bestehende Projekt „Biotopverbund Bodensee“. Zu der Projektkulisse gehören derzeit: Billafinger Tal, Salemer Tal, Überlinger Bucht und Tobelbäche, Kulturlandschaft Birnau-Maurach, Ried- und Nußbachtal sowie die Landschaft im Bereich der Stockacher Aach. Ein Maßnahmenschwerpunkt ist die Erhaltung und Erweiterung von Feuchtgebieten, etwa durch Renaturierungsmaßnahmen sowie die Neuanlage oder Wiedervernässung von Teichen. Die Heinz Sielmann Stiftung wurde 1994 von Professor Heinz Sielmann und seiner Frau Inge als öffentliche Stiftung bürgerlichen Rechts unter dem Leitsatz „Naturschutz als positive Lebensphilosophie“ gegründet. Ihre Hauptziele sind die Erhaltung letzter Refugien für seltene Tier- und Pflanzenarten sowie Menschen, vor allem Kinder und Jugendliche, durch persönliches Erleben an einen positiven Umgang mit der Natur heranzuführen. Die Heinz Sielmann Stiftung betreibt und unterstützt eine Vielzahl von Biotop- und Artenschutz-Projekten in der gesamten Bundesrepublik. Außerdem arbeitet sie mit Partnern im europäischen Ausland zusammen.