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TV-Tipp Bayerischer Rundfunk, „natur exklusiv“: Von Äpfeln, Wildgänsen und Teichrohrsängern Ausstrahlung: 02.04.2011, 19.00 Uhr

Duderstadt. „Jeder Gemeinde ihren Weiher, dann ist mit dem Artenrückgang Schluss“,

so die verblüffend einfache Losung des bekannten Ornithologen Prof. Peter Berthold. Im Fokus des Dokumentarfilms „Von Äpfeln, Wildgänsen und Teichrohrsängern“ aus der Reihe „natur exclusiv“ des Bayerischen Rundfunks steht ein solcher Weiher. Er liegt in Sielmanns Biotopverbund Bodensee.

Innerhalb kürzester Zeit sorgte er auf ganz natürliche Weise für einen erstaunlichen Anstieg der Arten bei Vögeln, Amphibien, Tagfaltern und Libellen. Was in Sielmanns Biotopverbund Bodensee möglich ist, könnte Schule machen.

Was haben Äpfel, Gänse und Teichrohrsänger gemein? Eigentlich nichts! Und doch, es gibt ein Gebiet in Deutschland, da treffen sie unmittelbar aufeinander. Am Bodensee in der Nähe von Überlingen findet man die am intensivsten genutzten Obstanbauflächen Deutschlands. Dicht besiedelte Kulturlandschaft, so weit das Auge reicht. Doch mittendrin erhält die Natur ihren Anteil unversehens zurück – in Form von renaturierten Parzellen, wo sich auch Wildgänse, Störche und Teichrohrsänger wohl fühlen. Die Idee, einzelne Biotope anzulegen und so die Artenvielfalt in dieser Monokulturlandschaft zu beleben, stammt von Prof. Peter Berthold, Emeritus der Max-Planck-Gesellschaft und weltweit anerkannter Ornithologe. Und die Ergebnisse – im Film durch eine Jahresbetrachtung dargestellt, sind unerwartet positiv.

Ein Dokumentarfilm von Christian Herrmann über den Biotopverbund Bodensee der Heinz Sielmann Stiftung.

Buch und Regie: Christian Herrmann
Kamera: Ulrich Schramm, Ralph Bemmann, Sigi Braun
Fachberatung: Prof. Dr. Peter Berthold
Mitarbeit: Paul Klima, Gabriele Mohr, Manfred Sindt
Musik: Andreas Suttner und Wolfgang Moser
Geräusche und Effekte: Michael Heumann
Geräuschsynchron: Otger Kunert, Roland Kupec
Technik: Rainer Feile Schnitt: Birgit Sahin
Farbkorrektur: Gilda Pasler
Mischung: Maria Huber
Sprecher: Ditte Schupp und Detlef Kügow
Leiter der Sendereihe: Udo A. Zimmermann
© BR 2011

Zum Hintergrund des Projektes „Sielmann-Weiher“
Trotz vielfältiger Bemühungen, die bereits vor über 100 Jahren begannen, ist es bisher nicht gelungen, den Artenrückgang bei Tieren und Pflanzen in Deutschland zu stoppen oder gar wieder in einen Anstieg der Artenvielfalt umzukehren. Als Rezept dafür wurde schon vor 20 Jahren großräumige Renaturierung vorgeschlagen, aber kaum realisiert. Mit „Sielmanns Biotopverbund Bodensee“ ergibt sich eine großartige Möglichkeit, ein Netzwerk von Renaturierungsmaßnahmen in einer dicht besiedelten und intensiv genutzten Kulturlandschaft zu testen.

Die Ausgangssituation:
Auch im idyllischen Bodenseegebiet in Süddeutschland sind die Bestände von Tieren und Pflanzen nach wie vor überwiegend rückläufig, und bis heute erlöschen dabei auch Brutvorkommen ehemals weit verbreiteter Arten wie jüngst beispielsweise von Rebhuhn, Steinkauz oder Rotkopfwürger. Insgesamt haben im Bodenseeraum im Landbereich durchschnittlicher Gemeinden seit 1950 rund 30 Prozent der regelmäßig brütenden Vogelarten, der Brutpaar-Dichte und der Vogel-Biomasse verloren (Prof. Peter Berthold, 2003). Im Projekt „Sielmanns Biotopverbund Bodensee“ (SBV) ergibt sich erstmals die Möglichkeit, die Auswirkung großräumiger Renaturierungsmaßnahmen auf die Artenvielfalt zu testen und filmisch darzustellen.

Ein Weiher als Pilotprojekt:
Für das Pilotprojekt des SBV wurde aus drei Gründen das Billafinger Urstromtal gewählt:
1. Die Renaturierung erfolgt dort in einer bis auf einige Hecken und zwei kleine „Froschtümpel“ ausgeräumten Kulturlandschaft,
2. das Gebiet wurde von Prof. Peter Berthold (Max Planck Gesellschaft) und Mitarbeitern seit 1971 systematisch untersucht,
3. weitere Bausteine für einen SBV lassen sich in allen vier Himmelsrichtungen anlegen.

Ausstattung des Siemann-Weihers und seiner Umgebung:
Um das Gebiet für viele Tier- und Pflanzengesellschaften so attraktiv wie möglich zu machen und die Entwicklung der Artenvielfalt zu optimieren, wurden folgende Maßnahmen durchgeführt: Der Weiher erhielt als typisches Hecht-Schleiengewässer einen Fischbesatz aus zehn Arten ursprünglicher Bestände aus Baden-Württemberg: neben Hecht und Schleie Schuppenkarpfen, Karausche, Brachsen, Rotauge, Rotfeder, Flussbarsch, Moderlieschen und Bitterling, und in der das Gebiet durchfließenden Aach leben Bachforelle, Regenbogenforelle und Aal.

Beeindruckende Zahlen – Entwicklung von Artenvielfalt bei Vögeln:
Vögel stehen im Fokus der Entwicklungen im Weiher-Gebiet: Sie wurden vor der Renaturierung am genauesten untersucht, lassen aufgrund ihrer hohen Mobilität den stärksten Anstieg erwarten, und neue Arten werden relativ leicht erkannt. Viele Arten werden seit der Renaturierung auch durch Fang und Beringung quantitativ erfasst.

Von 1971 bis 2004 wurden im Gebiet (mit etwa acht Quadratkilometern Umfeld) 115 Vogelarten registriert, 84 davon brütend (Prof. Peter Berthold, 2003). Seit der Renaturierung ist die Anzahl im nur zehn Hektar großen Nahraum des Weihers um 50 auf 165 angestiegen – das sind 43 Prozent! 2005 kamen 23 Arten hinzu, 2006 sieben Arten, 2007 sieben Arten, 2008 vier Arten und 2009 neun Arten. Noch erfreulicher als die unerwartet hohe Anzahl an neuen Durchzüglern, Mauser- und sonstigen Gästen sind neue Brutvogelarten im Weihergebiet, seit 2005 insgesamt zehn: Graureiher, Weißstorch, Graugans, Kolbenente, Rotmilan, Schwarzmilan, Wasserralle, Teichhuhn, Blesshuhn und Schwarzkehlchen.

Amphibien, Tagfalter, Libellen:
Diese drei Gruppen sind neben den Vögeln die auffälligsten mit der stärksten Entwicklung. Aus kleinen Restbeständen der „Froschtümpel“ entstanden über 100 Laub-, Hunderte Gras- und Wasserfrösche sowie Erdkröten. Grasfrosch- und Krötenlaich häuft sich ab März in den Gräben und Tümpeln zu mehreren Zentnern, und auf dem Hauptweg (etwa 500 Meter) befinden sich an manchen Tagen mehr als 1.000 Jungfrösche.

Jeder Gemeinde ihren Weiher:
Von den anfänglich 80 konzipierten Bausteinen des SBV (s. o.) sind inzwischen acht fertig gestellt. Weitere zehn Flächen sind in Vorbereitung. Das Beispiel des Weihers in Billafingen mit Feuchtbiotopen zeigt: Ein solches neu geschaffenes Habitat-Mosaik kann in nur fünf Jahren die Artenvielfalt bei Wirbeltieren, Wirbellosen und Pflanzen um viele Prozent erhöhen. Angesichts dieses Erfolges fällt es nicht schwer sich vorzustellen, was ein Netzwerk derartiger Renaturierungen angelegt in ganz Deutschland bewirken würde – und es wäre relativ leicht zu realisieren.

Zum Hintergrund des Dokumentarfilmprojekts „natur exclusiv“
Gedanken und erste Gespräche zu diesem „Mammut“-Projekt gab es schon 2008. Nach langen Überlegungen, Gesprächen und einer zwanzigseitigen Faktensammlung wurde mit der Redaktion beschlossen, das Projekt 2010 zu realisieren. Gedreht wurde diese Produktion in HD, zum Einsatz kamen neben der großen HD-Kamera (HD-XD) auch mehrere Spezialkameras. So wurden die „subjektiven Blicke“ der Raubvögel mit einem Octocopter nachgeflogen, an dem eine Mini-HD hing. Gesteuert wurde der elektrische Helikopter mit acht Motoren durch Kameramann Ulrich Schramm, der dieses Fluggerät auch selbst baute. Unter Wasser drehte Sigi Braun, der mit seinen vielen Dokumentationen über die Unterwasserwelt in Süßwasser und Meeresbereichen berühmt geworden ist. Unter anderem erhielt er für seine Arbeit an dem Film „Die vier Jahreszeiten“ die „Goldene Palme“.

Um die einzelnen Jahreszeiten am „Sielmann-Weiher“ im Bild festzuhalten, baute Ulrich Schramm zusammen mit Ralph Bemmann ein wetterfestes Gehäuse, das direkt am Weiher mit einer hochauflösenden Fotokamera bestückt aufgestellt wurde. Diese Kamera konnte via Internet von Ulrich Schramm an jedem beliebigen Punkt der Erde ausgelöst werden. Nur so konnten 10.000 Einzelfotos gemacht und später zu Filmsequenzen zusammengefügt werden, die Witterungs- und Jahreszeitenveränderungen darstellen. Des Weiteren gab es oberhalb des Weihers an zwei Stellen fest montierte Stative, von denen aus weitere Jahreszeitenveränderungen dokumentiert wurden.