Der erste Huflattich des Jahres

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Eine leicht löchrige Schneedecke bedeckt die sanft ansteigenden Hügel am Rand des Eichsfeldes. Die Sonne dringt mühelos durch die noch unbelaubten Bäume. Auf dem Waldwirtschaftsweg knirscht unter unseren Schuhen der Schotter und speichert die Sonnenwärme. Eine Fingerkuppe von gelb auf einem unscheinbaren Stängel trotzt dem umgebenden Schnee und zeugt von den warmen Temperaturen dieses Winters.

Huflattich-Blütenköpfchen im Schnee, Eichsfeld. Foto: M. Wichmann

Huflattich-Blütenköpfchen im Schnee, Eichsfeld. Foto: M. Wichmann

Pflanzlicher Frühaufsteher

Die Früchte des Huflattichs (Tussilago farfara) reifen bereits im zeitigen Frühjahr und werden vom Wind ausgebreitet. Die Samen keimen bevorzugt bei viel Licht auf offenem Boden. Schon bald danach zeigen sich zunächst die grünen Laubblätter der Pflanze und gewinnen Energie durch Photosynthese. Solange die Blätter im Jahresverlauf genügend Licht bekommen, setzten sie die Photosynthese fort und speichern die Energie in den unterirdischen Pflanzenteilen. Spätestens in der kalten Jahreszeit sterben die oberirdischen Blätter ab. Im folgenden Frühjahr, meist schon im März, treiben dann die Blütenstängel aus. Sie tragen nur kleine Schuppenblätter, die nur wenig Photosyntheseleistung erbringen - und die Blütenköpfe. 

Wertvolle Insektennahrung

Huflattich wird von Fliegen und Bienen bestäubt und bietet für diese Insekten in der frühen Jahreszeit eine der wenigen Nektarquellen. Dies wird mit einer schnellen und umfassenden Bestäubung belohnt. Ein weiterer Vorteil des frühen Vegetationszyklus des Huflattichs besteht in der Ausbreitung der Früchte sehr früh im Jahr, wenn vor dem Austrieb der meisten anderen Pflanzen noch viele offene Bodenstellen vorhanden sind und auch in Bodennähe noch viel Licht für Keimung und Photosynthese vorhanden ist. Das sind gute Startbedingungen für den Nachwuchs.

 

Huflattich oder Löwenzahn?

Den geöffneten Blütenkopf des Huflattichs könnte der Laie mit dem Gemeinen Löwenzahn (Taraxacum officinale) verwechseln. Beide Arten blühen ähnlich gelb und gehören zur Familie der Korb­blüten­gewächse. Die Blütenköpfe dieser Familie sehen zwar auf den ersten Blick aus wie eine einzelne Blüte, bei näherer Untersuchung kann man aber entdecken, dass es sich dabei um unzählige winzige Blüten handelt, die in einem "Korb" oder "Kopf" angeordnet sind.

Jede einzelne dieser sehr kleinen, in einem Korb benachbarten Blüten besteht aus eng verwachsenen Blüten­blättern, einem Fruchtknoten, einer aus Staub­beuteln verwachsenen Röhre und meist auch einem Kelch. Je nachdem, ob die Blüten­blätter röhrig oder flächig miteinander verwachsen sind, spricht man von Röhren- oder Zungenblüten. Beim Huflattich sind beide Blütenformen vorhanden. Beim Löwenzahn gibt es dagegen nur Zungenblüten. Auch die Stängel beider Arten unterscheiden sich deutlich. Beim Löwenzahn ist der Stängel röhrig und unbeblättert, während er beim Huflattich derber ist und kleine schuppenförmige Blätter trägt.

Vom Winde verweht

Eine Besonderheit der Korbblütengewächse sind ihre Früchte, die Achänen, allgemein auch als "Schirmchen" bekannt. Wenn die Blüte verblüht, fallen Blütenblätter, Staubblätter und Kelchblätter ab und der Fruchtknoten wächst zur Frucht aus, in der die Samen reifen. Einige Pflanzen nutzen den Kelch zur Ausbreitung ihrer Früchte. Bei Huflattich, Löwenzahn und anderen Korb­blüten­gewächsen besteht der Kelch aus feinen Haaren. Er bildet eine Flugvorrichtung, die der Frucht hilft, vom Wind ausgebreitet zu werden und neue Standorte zu besiedeln.

Im Schatten der Grenze

Nicht weit entfernt von unserem Huflattich im Schnee verlief einst die innerdeutsche Grenze. In seinem letzten Film „Tiere im Schatten der Grenze“ dokumentierte Heinz Sielmann dieses Gebiet als ein Naturrefugium. Er unterstützte die Idee, hier ein Naturschutzgebiet auszuweisen. Heute ist diese Schutzzone teilweise umgesetzt und bekannt als das „Grüne Band“. Die Region ist geprägt von Kalkgestein und aufgelagerten lehmigen Substraten, frisch gepflügte Äcker erscheinen oft rötlich. In Thüringen sind die Hügel meist bedeckt von reichen Rotbuchenwäldern, die hier in Plenterwirtschaft (Entnahme einzelner Bäume) naturnah bewirtschaftet werden. Für die schweren Forstfahrzeuge werden auf den Hauptzufahrten vereinzelt geschotterte Wege angelegt. An diesen mikroklimatisch warmen und durch das Befahren vegetationsarmen Wegen findet man ihn oft, den Huflattich.

Mehr über das Grüne Band

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