In Gedenken an Inge Sielmann

Farbtupfer zwischen Wintergrau

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Der Winter kommt wieder nicht richtig in Gang, zumindest nicht in Sielmanns Naturlandschaften in Brandenburg. Scheinbar tagelang liegt tristes Grau über den Heiden und Wäldern. Trotzdem kann sich ein Ausflug in die Natur jetzt lohnen.

Glashaar-Frauenhaarmoos (Polytrichum piliferum). Foto: N. Künkler

Das Glashaar-Frauenhaarmoos (Polytrichum piliferum) ist ein echter Kosmopolit. Die Moosart kommt auf allen Kontinenten vor, sogar in der Antarktis. Foto: N. Künkler

Kleine Schneereste in Heidesträuchern erinnern zaghaft daran welche Jahreszeit gerade herrscht. Foto: Dr. Jörg Müller

Sonst blickt man vom Sielmann-Hügel in der Kyritz-Ruppiner Heide in ein rosarotes Farbenmeer. Im Februar kleidet sich die Natur aber grau in grau. Foto: Dr. Jörg Müller

Seltene Wintergäste aus dem Norden verbringen die kalten Monate gern hier und lassen sich jetzt gut beobachten. So hat der Raubwürger die Kyritz-Ruppiner Heide als Jagdrevier für sich entdeckt. Regelmäßig kann man diesen Miniatur-Greifvogel auf Baumwipfeln der Kiefern und Birken sehen, wo er kleinen Vögeln auflauert. Kommt ein Beutetier in seine Nähe so verfolgt er es hartnäckig über weite Strecken. Während der Raubwürger mit seinem Hakenschnabel, Augenbinde und schwarz-weiß grauem Federkleid zwar eine ganz ansprechende Erscheinung bietet, fällt er in Sachen Farbigkeit nicht besonders auf und andere Arten der Heide sorgen dagegen für Farbtupfer.

Krebsrote Krabbler

Eine leuchtend rote Samtmilbe (Familie Trombidiidae) nutzt den Tag, um im Moos nach Insekteneiern für die nächste Mahlzeit zu suchen. Diese auffälligen Spinnentiere sind das ganze Jahr über aktiv. Samtmilben werden nie größer als ein Stecknadelkopf. Dennoch sind sie die größten Milben und für uns mit bloßem Auge sichtbar. Sie kommen weltweit, sogar in der Antarktis vor. Den Namen haben die Samtmilben ihren vielen feinen Härchen auf dem gesamten Köper zu verdanken, der sie samtig weich aussehen lässt.

Den schwächsten Lichtstrahl einfangen

Die ersten Kapseln des Koboldmooses (Gattung Buxbaumia) des Jahres erscheinen nun wieder an kleinen Erdkanten in der Heide. Beim Koboldmoos betreiben die frisch grünen Kapseln hauptsächlich Fotosynthese. Dafür recken sie sich wie kleine Sonnenkollektoren dem fahlen Licht entgegen. Unter unseren Moosen bildet das Koboldmoos die größten Kapseln. Die eigentliche grüne Moospflanze ist dagegen bei dieser Art auf ein Minimum reduziert. Unterirdisch versorgt sich das Koboldmoos in Symbiose mit Pilzen mit Nährstoffen, eine Ernährungsform, die bei Moosen nahezu einzigartig ist.

Holz mit Schmuck

Gelb-orange Fruchtkörper der Zerfließenden Gallertträne (Dacrymyces stillatus) verzieren so manches Stück morsches Holz. Der Pilz ist ziemlich häufig, besonders an Kiefernholz kommt er gern vor. Er sorgt dafür, dass die darin gebundenen Nährstoffe wieder in den ökologischen Kreislauf zurückgeführt werden und der Waldboden nicht vollständig von abgestorbenem Holz bedeckt ist, sodass keine Pflanze mehr Platz zum Wachsen hat. Bei nasser und feuchter Witterung ist der Pilz besonders aktiv. Dann treten die Fruchtkörper in Erscheinung, wenn sie voll Wasser gesogen sind, aufquellen, und wie goldene Tränchen miteinander zerfließen.

Eine tödliche Beziehung

In den weiten Heidegebieten der Kyritz-Ruppiner Heide macht sich der Moosbecherling (Octospora humosa) unterirdisch am Glashaar-Frauenhaarmoos (Polytrichum piliferum) zu schaffen, zapft es an und bezieht seine Nährstoffe vom Moos. Während das Moos seine vitale blaugrüne Farbe verliert, und abstirbt, leuchten die orangefarbenen Becher des Pilzes um so auffälliger und sorgen für farbliche Akzente in den wintergrauen Weiten.

Stairway to heaven

Richtet man seinen Blick in die Höhen eines Kiefernforstes, kann man unerwartete Lila-Farbtöne erleben: der Violette Lederporling (Trichaptum abietinum) verziert so manchen fahlen, abgestorbenen Kiefernstamm. Vom Waldboden bis in mehrere Meter Höhe sorgt der häufige Pilz dafür, dass die schlecht verdaulichen Holzmengen wieder dem Kreislauf des Lebens zurückgeführt werden. Der Pilz ist somit Verbündeter für viele Tiere des Waldes. Seine Oberseite sieht mit einer grau-weißlichen Farbe eher unscheinbar aus - die Unterseite jedoch zeigt alle Farbspielarten zwischen Weiß-rosa und Dunkelviolett.

Warten auf den Frühling

Tief versteckt unter dicker Borke laufen längst die Vorbereitungen für das kommende Frühjahr. Die Knospen der neuen Zweige stehen in den Startlöchern. Aber ohne Laub sind die Knospen seit dem Herbst der ständigen Sonnenstrahlung ausgesetzt. Auch Wintersonne kann gnadenlos sein und liefert ständig UV-Strahlung. Als Schutzpigmente, so etwas wie Sonnencreme, haben Pflanzen Anthoxyane entwickelt die sie als rote Farbstoffe in die Rinde einlagern. Diese Farbstoffe lindern die mutagene Wirkung der Sonne, beugen also Schäden durch genetische Veränderungen vor. Besonders gut kann das die Linde und bietet mit seinen blutroten Zweiglein einen kontrastreichen Blickfang im Wintergrau.