Heinz Sielmann (4): „Herrscher des Urwalds”– der Traum von Afrika wird wahr

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Heinz Sielmanns faszinierende und für die damalige Zeit absolut innovativen Filmaufnahmen aus der Welt der Tiere erfüllten dem Tier- und Naturfilmer 1957 seinen langgehegten Traum von Afrika: Das belgische Königshaus wollte den Besuchern der Weltausstellung 1958 in Brüssel die damals noch unberührte Natur im Belgisch-Kongo, der heutigen Demokratischen Republik Kongo, präsentieren.

Der Belgische König Leopold III. und Heinz Sielmann bei den Dreharbeiten zu "Herrscher des Urwalds" 1957

Der Belgische König Leopold III. und Heinz Sielmann bei den Dreharbeiten zu "Herrscher des Urwalds" 1957

Heinz Sielmann wurde mit der Regie für das Werk beauftragt. Im Frühjahr machte sich die Filmcrew mit einer kleinen Propellermaschine auf den 24-stündigen Flug nach Afrika. Mitten im Urwald entstand ein Filmdorf mit Gehegen, in denen die Wildtiere Stück für Stück an die Kamera gewöhnt wurden. Die ersten Aufnahmen der Naturfilmer setzten den großen Nashornvogel in Szene. 

Mit kreativen Filmtechniken in luftige Höhen

In einer Nisthöhle, die sich auf einem Baum in rund 30 Metern luftiger Höhe befand, wartete ein Weibchen auf das Männchen. Um dessen Anflüge aus nächster Nähe beobachten zu können, hatte sich das Filmteam auf einem benachbarten Baum versteckt. Um das Weibchen in der Nisthöhle filmen können, griff Heinz Sielmann auf dieselbe Technik zurück, mit der er bereits bei seinem Film „Zimmerleute des Waldes” für Aufsehen gesorgt hatte: Von einer Plattform auf der Rückseite der Nisthöhle wurde dieselbe geöffnet. Nachdem die Rückwand entfernt worden war, ersetzte man sie durch eine Glasscheibe und hatte freie Sicht auf Familie Nashornvogel.

Weitere Filmaufnahmen der Vogelfamilie drehten Heinz Sielmann und sein Team in einer Voliere, in der eine Dattelpalme mit reifen Früchten stand. Dadurch bekamen die Filmer die Möglichkeit, den Nashornvogel während der Nahrungssuche zu filmen. Nachdem alles „im Kasten” war, wurde der Vogel in die Freiheit entlassen. Die Voliere wurde dann von einem Palmfruchtgeier bewohnt, der sich hauptsächlich von Früchten ernährt.

Wilde Bestien des Dschungels hautnah

Nach diesen ersten Dreharbeiten wartete eine ganz besondere Herausforderung auf die Film-Crew um Heinz Sielmann: Das Familienleben der damals als furchterregende Bestien verschrienen Gorillas sollte gefilmt werden. Dazu wurden zwei große Gehege für eine Gorillafamilie gebaut. Das Ergebnis konnte sich sehen lassen: Es entstanden einmalige Aufnahmen vom einschüchternden Imponiergehabe der Männchen, vom Sozialverhalten der Gruppe sowie den Spielen der Jungtiere. 

Dass die ansonsten friedlichen Pflanzenfresser durchaus eine Gefahr darstellen können, wenn sie ihren Nachwuchs bedroht sehen, musste Heinz Sielmann am eigenen Leib erfahren: Er wurde von einem Gorillamännchen attackiert. Die Filmleute hatten eine Gorillafamilie unbeabsichtigt beim Mittagsschlaf gestört. Der Silberrücken hatte keine Zeit mehr, seinen Nachwuchs zu warnen und in Sicherheit zu bringen, sodass er zum Angriff überging. Glücklicherweise konnten sich Heinz Sielmann und seine Begleiter unbeschadet in ihren Jeep retten.

Die Dreharbeiten zu „Herrscher des Urwalds” dauerten 18 Monate, in denen Heinz Sielmann das damals noch weitestgehend unberührte Afrika erleben und in faszinierenden Bildern „einfangen” konnte. „Herrscher des Urwalds” wurde ein Welterfolg.

Eine unvergessliche Zeit in Afrika – Inge Sielmann erinnert sich

Heinz Sielmann war bereits ein bekannter Tierfilmer in Deutschland, als ihn Mitte der 50er Jahre eine interessante Anfrage aus Belgien erreichte. Was hatte es damit auf sich?

Inge Sielmann: Das belgische Königshaus war auf meinen Mann aufmerksam geworden. 1955 kam die Anfrage, ob mein Mann nicht Lust hätte, einen Film über das damals noch belgische Kongo zu machen.

Was war denn der Grund? Man gibt ja nicht einfach so einen Kinofilm in Auftrag, oder?

Inge Sielmann: Anlass war damals die bevorstehende Weltausstellung in Brüssel 1958. Bis dahin sollte ein Werk entstehen, was dort wirkungsvoll präsentiert werden konnte. Und das hat mein Mann dann ja auch geschafft.

Was für einen Film hat Heinz Sielmann gemacht?

Inge Sielmann: Es war der erste Film über das Leben der Berggorillas überhaupt. „Herrscher des Urwalds“ wurde später in 27 Sprachen übersetzt. Ein unglaublicher Erfolg.

Ihr Mann war oft monatelang unterwegs. Sie waren später häufig alleine. In den Kongo haben Sie ihn aber für einen längeren Zeitraum begleitet. Wie kam es dazu?

Inge Sielmann: König Leopold hatte mich eingeladen, ich sollte doch einmal in den Kongo fliegen, um während der Dreharbeiten meinen Mann zu besuchen. Und als ich für drei Wochen dort unten war und mich bei der Arbeit sehr gut mit den belgischen und englischen Mitarbeitern verstand, hat der König gesagt, ich solle doch ruhig bis zum Ende der Produktion bleiben. Das waren dann noch rund drei Monate. Für mich eine unvergessliche Zeit.

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