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Sonnenkollektoren auf den Flügeln: Insekten im Winter

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Schmetterlinge, Bienen und Käfer haben ganz unterschiedliche Strategien entwickelt, um dem Winter zu trotzen. Einige wagemutige Arten nutzen die Kälte sogar, um sich ohne Konkurrenz fortzupflanzen und satt zu fressen.

Dieser Marienkäfer wurde vom Winter überrascht. Foto: Dr. Jörg Müller

 

Rein in die Wohnung, Heizung an, vielleicht noch eine heiße Milch mit Honig für ein wohliges Gefühl im Magen. Wenn es kalt wird, haben wir verschiedene Möglichkeiten, um uns warm zu halten. Draußen schützen wir uns mit Mützen und dicken Winterjacken – und müssen trotzdem spätestens nach ein paar Stunden wieder rein zum Aufwärmen. Wie schaffen es da nur die Insekten über die Runden zu kommen, die mit ihren winzigen Körpern der Kälte viel schutzloser ausgeliefert sind? Schlecken Bienen etwa Honigeis, um auf die benötigte Kalorienzahl zu kommen?

Honigbienen auf Kuschelkurs

Wenn es kalt wird, sind die Bienen tatsächlich auf ihre Honigvorräte angewiesen. Nur, dass die nicht gefroren sind, sondern angenehme Zimmertemperatur haben: Das Volk bleibt auch im Winter aktiv. Es bildet eine Kugel um die Königin und sorgt durch die geballte Körperwärme für Temperaturen im Zentrum von mindestens 25 Grad. Der Honig wird dabei miterwärmt. Tiere, die direkt bei den Vorräten sitzen, fressen sich nicht nur selbst satt, sondern geben das süße Zeug auch an ihre Artgenossen weiter. Die Plätze an der kühlen Außenseite der Kugel wechseln ständig, so dass sich die Bienen immer wieder im Inneren der Kugel aufwärmen können. In der engen Gemeinschaft überstehen die Bienen den Winter ausgesprochen gut. Weil das anstrengende Brutgeschäft wegfällt, steigt die Lebenserwartung der Arbeiterinnen sogar von einigen Wochen auf bis zu neun Monate.

 

Auch Feuerwanzen kuscheln gern

Das enge Zusammenrücken ist unter den Insekten eher die Ausnahme. „Auf den von uns untersuchten Flächen kommt das ansonsten eigentlich nur bei den Feuerwanzen (Pyrrhocoris apterus) vor“, sagt Dr. Jörg Müller von der Heinz Sielmann Stiftung. In der Kyritz-Ruppiner Heide im nördlichen Brandenburg erforscht er regelmäßig die vorkommenden Insektenarten. Auch in der kalten Jahreszeit wird er erstaunlich oft fündig.

Im Winter auf Partnersuche

Zu den größten winteraktiven Insekten zählt der Kleine Frostspanner (Operophtera brumata), ein Nachtfalter mit einer Flügelspannweite von 2,5 Zentimertern. Bis in den Dezember hinein fliegen die Männchen umher, um sich mit den flugunfähigen Weibchen zu paaren. Ein Vorteil für sie ist, dass sie dann nichts vor gefräßigen Fledermäusen zu befürchten haben. Außerdem ist die Luft dann - anders als im Frühling - nicht mit den Pheromonen anderer Schmetterlingsarten geschwängert, was das Auffinden der paarungsbereiten Weibchen deutlich einfacher macht.

Gefahr durch winzige Kristalle

„Die meisten Insekten überwintern als Puppe im Boden oder in der Laubschicht“, sagt Müller. Laub und Moos sind gute Isolatoren. Außerdem führt die Aktivität von unzähligen Mikroorganismen dazu, dass die Temperatur im Boden ein bisschen höher ist als in der Luft. Empfindlich kalt kann es trotzdem noch werden. Auch dafür haben Insekten verschiedene Strategien entwickelt. Die größte Gefahr für die kleinen Körper ist Frost. Wenn die Flüssigkeit im Inneren zu Eis gefriert und sich dabei ausdehnt, droht sie die Körper irreparabel zu schädigen. Schmetterlinge wie der Zitronenfalter lagern deshalb Zucker oder Alkohole wie Glycerin als Frostschutzmittel ein und verhindern so ein Durchfrieren. Andere Arten produzieren kleine Schutzproteine aus Eiweißmolekülen. Die verhindern die Eisbildung zwar nicht, sorgen aber dafür, dass die Eiskristalle eher klein bleiben und so keinen Schaden anrichten können.

 

Auf die Strategie kommt es an

„Die Strategien der Insekten sind sehr variabel. In fast allen Familien kommen nahezu alle Varianten vor“, sagt auch Thomas Schmitt, Direktor des Deutschen Entomologischen Instituts in Müncheberg (Brandenburg). Libellen zum Beispiel und andere Insekten, die einen Teil ihres Lebens im Wasser verbringen, legen im Spätsommer ihre Eier direkt im Wasser ab, wo sich die Larven dann – geschützt vor Frost – in Ruhe entwickeln können. Manche Käfer ziehen sich bis zu 1,50 Meter tief in die Erde zurück. Bei Hummeln, Wespen und Hornissen stirbt im Herbst jeweils das ganze Volk. Übrig bleiben allein die jungen Königinnen, die – frisch begattet – in den befruchteten Eiern bereits ein komplettes neues Volk in sich tragen. Wenn sie den Winter an einem geschützten Ort überstehen, werden sie im Frühjahr allein den neuen Staat gründen, bis im Herbst ein neuer Kreislauf mit einer neuen Königin beginnt.

Meisterleistung: Schmetterlinge überwintern im warmen Süden

Manche Insekten halten es in den Wintermonaten wie die Zugvögel oder betuchte Rentner: Sie fliehen in den Süden und bleiben dort so lange, bis die Bedingungen im Norden wieder annehmbarer sind. Der Admiral (Vanessa atalanta) zum Beispiel zieht sich im Herbst aus dem Norden zurück und überwintert im milderen Südwestdeutschland oder in Ostfrankreich. Der Distelfalter (Vanessa cardui) unternimmt noch deutlich weitere Wanderungen. Das Hauptverbreitungsgebiet des Falters liegt im Mittelmeerraum. Von dort wandert er im Frühjahr in Richtung Norden und landen dabei auch in Deutschland. Distelfalter gehören zu den wenigen Insekten, die sich das ganze Jahr über fortpflanzen – überall dort, wo sie sich auf ihrem Migrationszug gerade befinden. Einzelne Tiere sind tausende Kilometer unterwegs und überqueren dabei sogar die Alpen. Die Wanderung insgesamt vollzieht sich aber in mehreren Generationen: Die im Herbst abziehenden Tiere fliegen vielleicht bis Frankreich oder Spanien. Der Nachwuchs schafft es dann bis Nordafrika, und dessen Nachwuchs kehrt im Frühjahr wieder nach Europa zurück – ein echtes Mehrgenerationen-Projekt mit dem ehrgeizigen Ziel, dem Winter vollständig aus dem Weg zu gehen.