Seltene Insekten in der Heide entdeckt

von

Heidelandschaften bieten einer unüberschaubar großen Zahl von Arten einen geeigneten Lebensraum. Aber dieser Lebensraum ist stark bedroht. Durch ausbleibende Nutzung und fortschreitende Wiederbewaldung verschwindet die Heide und mit ihr, ihre seltenen Bewohner. Seit 2017 beschäftigt sich das Projekt NaTec mit der Erforschung und Erhaltung der Heide.

Eine große Fragestellung ist, welche Arten für bestimmte Biotop­typen charak­teristisch sind. Bei den Unter­suchungen dafür gingen neben vielen „alltäg­lichen“ Arten, auch sensa­tionelle Selten­heiten ins wissen­schaftliche Netz: Die Blasen­kopf­fliege Zodion kroeberi und die Schweb­fliege Doros profuges (Rolke & Müller in Vorb.).

Auf der Jagd nach dem Unbekannten

Der große ehemalige Truppenübungsplatz in der Kyritz-Ruppiner Heide ist für Biologen ein weitgehend unerforschtes Gebiet. Seit Jahrzehnten durften kaum Zivilisten auf die Fläche. Welche Arten dort zu finden sind, kann man nur ahnen und Überraschungen sind vorprogrammiert.

Mit einem Kescher lassen sich scheue Insekten am besten nachweisen. Eine gute Methode ist dabei, regungslos an blühenden Heidebüschen zu warten, um dann gezielt blitzschnell sitzende oder heranfliegende Insekten zu erbeuten.

Ende August, mittags bei schönstem Spätsommerwetter, geht mal wieder solch ein besonderer Fang ins Netz: eine kleine unbekannte Blasenkopffliege. Doch erst viel später beim Blick durch das Mikroskop und dank fachkundiger Unterstützung bei der Bestimmung offenbart sich eine kleine Sensation: Zodion kroeberi, deutschlandweit erst der fünfte Nachweis!

Bei lebendigem Leibe verspeist

In Europa sind rund 80 Arten aus der Familie der Blasenkopffliegen bekannt. Über ihre Lebensweise weiß man nur wenig. Die nun in der Kyritz-Ruppiner Heide gefundene Art wurde in Deutschland bislang nur vier Mal nachgewiesen. Die Fliege scheint eine Vorliebe für Heidelandschaften zu haben. Denn dort leben vermutlich auch die Wirte ihrer Larven. Die weiteren Fundorte sind der ehemalige Truppenübungsplatz Lieberoser Heide in Brandenburg und die Klietzer Heide in Sachsen-Anhalt. Nach allem was man bisher über Blasenkopffliegen weiß, legen die Weibchen im Flug ein Ei in ein anderes Insekt ab. Dabei sind sie auf stacheltragenden Hautflügler, also Hummeln, Bienen oder Wespen, spezialisiert. Die Larve der Blasenkopffliege frisst dann den Wirt von innen auf, verpuppt sich und schlüpft als ausgewachsene Fliege. 

Ob sich auch Zodion kroeberi auf diese Weise fortpflanzt ist bisher nicht bekannt. Die Vermutung liegt aber nahe, dass Blasenkopffliegen diesen Weg der Evolution beschritten haben und sich unterschiedliche Arten auch auf unterschiedliche Wirte spezialisiert haben. Die aktuellen Funde fallen in die Hauptflugzeit der Wildbienenarten, die auf die Blüten der Besenheide angewiesen sind. Dazu gehören die Heidekraut-Sandbiene oder die Heidekraut-Seidenbiene.

Ein Kleinod hat die Zeiten überdauert

Im östlichen Teil der Kyritz-Ruppiner findet man, ganz unverhofft, einen alten Buchenwald. Der Ausläufer der nahen Ruppiner Schweiz wurde von Kahlschlag oder Forstwirtschaft weitgehend verschont. Die alten Bäume sind ein Refugium für typische Waldarten wie Fledermäuse, Eulen, Totholz-Käfer oder hochspezialisierte Pilze. Der besondere Reichtum an Strukturen, wie Mulmhöhlen im Holz, Miniatur-Teiche in Asthöhlen oder wilden Wurzeltellern bieten  noch weitere seltenen und unerforschten Arten eine Heimat.

Stark gefährdet auf der Roten Liste

Auch hier in diesem einsamen, vom Rest der Welt vergessenen Reich der Bäume, lohnt es sich mit offenen Augen nach unerwarteten Schönheiten Ausschau zu halten. Vor einer Höhle unter einem Wurzelteller einer frisch umgestürzten Birke, flog Anfang Juni ein sehr seltsames Tier entlang. Mit einem entschlossenen Kescherschwung konnte es gefangen werden. Eine recht große Schwebfliege war im Kescher gelandet, so viel war klar. Der schmale schwarze Körper mit dem auffälligen Streifenmuster verriet schnell, dass es sich um ein Männchen der Phantom-Schwebfliege Doros profuges handelt. Auf der Roten Liste der Insekten Deutschland wird die Art als stark gefährdet eingestuft. In Bayern, Berlin, Sachsen und Sachsen-Anhalt wird sie als vom Aussterben bedroht geführt. Europaweit gibt es nur extrem wenig Nachweise dieser Art. Ein Grund für die wenigen Funde der Art dürfte auch die sehr kurze Zeitspanne sein, in der die Schwebfliege beobachtet werden kann – Doros profuges fliegt nur an wenigen Tagen im Frühsommer.

Beziehungsstatus: kompliziert

Auch über die Biologie von Doros profuges ist bisher wenig bekannt. Es wird vermutet, dass sich die Larven der Schwebfliege von Wurzelläusen ernähren und diese lebend verschlingen. Diese Wurzelläuse wiederum kommen gemeinsam mit Ameisen vor. Denn sie scheiden Zuckerwasser aus, dem die Ameisen nicht wiederstehen können. Dafür genießen die saugenden Pflanzenläuse den Schutz der wehrhaften Sechsbeiner.

 

Wer suchet, der findet

Warum solche gezielten Sichtfänge in Ergänzung zu anderen standardisierten Untersuchungen der Flora und Fauna so wichtig sind, zeigen die beiden aktuellen Funde. Nur wenn man systematisch und gezielt nachschaut welche Arten vorkommen, kann man verlässliche Aussagen über das Gebiet machen. Diese Arten sind so eng an den Lebensraum gebunden, dass man an ihrem Vorkommen den Zustand des Gebiets ablesen kann. Außerdem ermöglichen solche Daten auch langfristige Entwicklungen zu dokumentieren. Ob Schutzbemühungen erfolgreich waren, wird auf Grundlage von floristischen und faunistischen Untersuchungen bewertet.


 

Projekt NaTec erforscht neue Chancen im technischen Naturschutz

Heidelandschaften müssen regelmäßig gepflegt werden. Sonst überaltern und verbuschen sie, irgendwann wächst Wald. Dann würden die typischen Tier- und Pflanzenarten der Heide verschwinden. Auf ehemaligen Truppenübungsplätzen lässt die Belastung mit Munition eine konventionelle Pflege jedoch nur eingeschränkt zu. Wie die Heidepflege ohne Betretung der belasteten Flächen gelingen kann, entwickelt ein innovatives Forschungsprojekt. In diesem werden Biodiversitäts­­forschung, Fernerkundung und Landschaftspflege verknüpft. Sielmanns Naturlandschaft Kyritz-Ruppiner Heide ist der Modellraum für das Vorhaben.

Mehr über das Pilotprojekt erfahren Sie hier:

Zur NaTec Projektseite

 

Lit: Rolke, D & Müller J (in Vorbereitung) Bemerkenswerte Blasenkopf- und Schwebfliegennachweise (Diptera, Conopidae et Syrphidae) aus der Kyritz-Ruppiner Heide, Brandenburg, Märkische Entomologische Nachrichten.

Besuchen Sie uns auf allen Plattformen
Social & Media
Yotube Instagram Xing flickr