In Gedenken an Inge Sielmann

Weitergeben stiftet Lebenssinn

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Was sind die Quellen für ein sinnhaftes Leben? Tatjana Schnell, Psychologin und Sinnforscherin an der Universität Innsbruck, hat in ihren Studien viele Gründe dafür gefunden, warum Menschen einen Sinn in ihrem Leben sehen. Der wichtigste: Generativität, also die Sorge und Fürsorge für nachkommende Generationen. Erfüllung findet, wer Wissen und Werte weitergibt und Verantwortung übernimmt. Dazu muss man nur eins tun: anfangen. Denn Sinn entsteht durch Handeln.

Wie gelingt es Menschen, ein sinnerfülltes Leben zu führen?

In qualitativen Studien haben wir 26 Quellen ermittelt, aus denen Menschen den Sinn in ihrem Leben schöpfen. Umfragen haben immer wieder gezeigt, dass die Generativität dabei an erster Stelle steht, bei jungen Menschen wie bei alten, bei Gesunden wie bei Kranken, und das in den verschiedensten Kulturen. Der Begriff Generativität stammt von dem Entwicklungspsychologen Erik Erikson, der damit eine Entwicklungsstufe im späteren Erwachsenenalter bezeichnet, in der man für sich selbst vieles erreicht hat und sich nun um die nachfolgenden Generationen kümmern kann. Es geht darum, in irgendeiner Weise dazu beizutragen, dass es dieser Gesellschaft und den Generationen, die nach uns kommen, gut geht. Allerdings ist das prinzipiell etwas, was in jedem Lebensalter Sinn stiftet – nicht nur bei älteren Erwachsenen.

Was kann Generativität konkret sein?

Das Naheliegende ist natürlich Kinder zu zeugen, eine neue Generation zu schaffen. Dann geht es aber auch darum, die Kinder zu begleiten und zu erziehen. Technische Generativität bedeutet, zu bilden, auszubilden, Wissen und Kompetenz weiterzugeben, indem ich zum Beispiel einen Lehrberuf ergreife, in einem Fußballverein als Trainer tätig bin oder Kindern mit Migrationshintergrund Nachhilfe gebe. Zudem gibt es auch eine kulturelle Form der Generativität, also die Weitergabe von Werten, von Sinnsystemen, zum Beispiel in der Kunst oder in der Politik.

Wo kann man anfangen, wenn man seinem Leben mehr Sinn geben möchte?

Gerade in einem schwierigen Moment, vielleicht bei einer Kündigung oder einer Trennung, suchen wir nach Sinn. Wenn Grundannahmen plötzlich in Frage gestellt werden oder eine wichtige Sinnquelle wegbricht, dann wird Sinn „frag-würdig“. Vielen Menschen ist gar nicht bewusst, was sie für Möglichkeiten haben, ihrem Leben Sinn zu verleihen. Man muss sich die nötige Zeit und den Raum nehmen, um den essentiellen Fragen nachzugehen. Ab einem bestimmten Punkt bringt es aber nichts mehr, den Sinn im Nachdenken oder in Bücher zu suchen, sondern er muss umgesetzt werden. Sinn ist nur erfahrbar, wenn er in Handeln umgesetzt wird. Das heißt also, tätig werden, ist das Zentrale. Es muss ja nicht gleich ein Berufswechsel oder eine große ehrenamtliche Verpflichtung sein. Man kann damit anfangen, seine Perspektive zu ändern und beispielsweise bewusst den Müll von der Straße aufzuheben, weil man froh ist, an diesem Ort zu leben.

Für solche Frage muss ich mich mit der eigenen Endlichkeit auseinandersetzen.

Ja, das ist nicht einfach. Man verdrängt es gern. Manche Menschen werden darauf gestoßen, weil ein nahestehender Mensch verstirbt, oder sie erkranken schwer. Dann bleibt ihnen nichts anderes übrig, als darüber nachzudenken. Aber die meisten anderen müssen selbst einen Weg finden, sich dem auszusetzen. Die Erkenntnis, alleine vor dem Tod zu stehen, löst Angst aus. Es braucht einen gewissen Mut, sich darauf einzulassen, denn das ist schmerzhaft. Unsere Gesellschaft ist sehr darauf aus, glücklich zu sein. Aber wir müssen auch solche existenziellen Gedanken zulassen, denn das sind die Bereiche, wo wir wachsen und wo viele wichtige Ideen und Entwicklungen entstehen.

Das eigene Ende also als Ansporn?

Wenn man sich auf diese Art „bewusstes Leiden“ einlässt, wenn man die Welt realistisch betrachtet und schmerzhafte Gedanken nicht verdrängt, dann kommt auch etwas Konstruktives dabei heraus. Das eröffnet viele neue Blickwinkel und zeigt, was mir wirklich wichtig ist – und wie ich es umsetzen könnte. Und daraus entsteht dann Sinn.

Die Heinz Sielmann Stiftung ist Teil der Initiative Mein Erbe tut Gutes. Das Prinzip Apfelbaum. Die Initiative veröffentlicht einmal im Quartal ein Magazin. Darin dreht sich alles um die Frage: Was bleibt? Wir denken offen nach über Leben und Tod und fragen kluge Menschen nach ihren Erfahrungen und Ideen.

Mehr Informationen zum Thema finden Sie in unserem Engagement Center.