Mann mit Fernglas

Rómulo und die Mehlschwalben

Schon als Kind war Rómulo draußen daheim. Doch der erste Funke zur Vogelleidenschaft sprang über, als ein Studienfreund bei einer Wanderung am Waldrand sein Fernglas auspackte und zum „Vogelgucken“ einlud.

Später prägte ihn ein außergewöhnlicher Dozent im Biologiestudium, der mit Begeisterung und Fachwissen die Vogelwelt lebendig machte.

Stunde über Stunde verbrachte Rómulo fortan im Stadtwald seines Studienortes bei der Beobachtung und Kartierung von Greifvögeln, insbesondere Habichten.

Eine besondere Bedeutung erhielt das Beobachten für ihn, als er von seinem Großvater dessen Leica-Fernglas erbte – seitdem begleitet es ihn auf fast jedem Gang in die Natur.

Hände halten Fernglas

Heute arbeitet Rómulo auf Gut Herbigshagen als Fachmann für Umweltbildung und Artenschutz. Neben der Bildungsarbeit kümmert er sich um Nisthilfen und Strukturen für verschiedene Tiergruppen.

Außerdem ist er Ansprechpartner für Naturschutzbehörden und erfasst Bestandszahlen für das nationale Vogelmonitoring - oft eine Arbeit mit Überraschungen.

Mann begutachtet offenen Nistkasten mit Fledermaus
Mehlschwalben (Delichon urbicum) mit Jungen an einer künstlichen Nisthilfe.

Eine dieser Überraschungen erlebte er 2024: Zum ersten Mal seit langer Zeit brütete wieder ein Mehlschwalbenpaar auf Gut Herbigshagen. „Das war ein echter Glücksmoment“, erinnert er sich.

Im Jahr 2025 folgte die nächste Sensation: Nun waren es bereits drei Brutpaare, mit großer Wahrscheinlichkeit zwei neue und das Brutpaar aus dem Vorjahr. Denn Mehlschwalben kehren fast immer an den Ort zurück, an dem sie schon einmal gebrütet haben.

„Es ist kaum zu glauben, dass sie Tausende Kilometer zurücklegen und punktgenau wieder hier ankommen“ staunt Rómulo.

Die kleinen, wendigen Vögel haben für ihn einen ganz besonderen Reiz. Er mag ihre Kühnheit: „Sie wirken, als würden sie sagen: ‚Welt, komm her – du machst mir keine Angst!‘“

Vögel fliegen Nest unter Dach an
Schwarz-weiße Vögel sitzen im Uferschlamm, ein Vogel setzt gerade zur Landung an

Auf ihren Zugwegen legen sie gewaltige Strecken zurück: bis zu 10.000 Kilometer von ihren Überwinterungsgebieten südlich der Sahara bis zu den Brutplätzen in Mitteleuropa. Erst im April ziehen sie zurück und bleiben bis in den September.

Mehlschwalben bauen halbkugelförmige Nester aus Lehm, die sie an Felswänden oder – häufiger – unter Dachvorsprüngen an Hauswänden anbringen.

Wie Rauchschwalben gelten sie als Kulturfolger und nutzen gerne alte Nester oder künstliche Nisthilfen. Sie sind sehr gesellig: Kolonien können aus Dutzenden bis Hunderten Paaren bestehen.

Mücken fliegen im Sonnenlicht

Als Insektenfresser sind sie auf ausreichend Nahrung angewiesen. Der Rückgang fliegender Insekten erschwert ihnen die Nahrungssuche, und Nester, die als störend empfunden und entfernt werden, schwächen den Bestand zusätzlich.

Zwar kommen Mehlschwalben in Deutschland noch häufig vor, ihre Bestände sinken jedoch kontinuierlich, sodass sie mittlerweile als gefährdet gelten, ähnlich wie Star oder Feldlerche.

Auf Gut Herbigshagen sorgt Rómulo dafür, dass Nisthilfen bereitstehen und ausreichend Strukturen sowie insektenreiche Flächen den Mehlschwalben Schutz und Nahrung bieten. So wird das Gut zu einem sicheren Hafen für die Rückkehrer.

 

Mit Erfolg: 2025 beflogen zusätzlich zu den drei Brutpaaren täglich Dutzende von Mehlschwalben den Hof. Damit hat sich Gut Herbigshagen wieder als wertvoller Brutplatz für Mehlschwalben etabliert und eine neue Tradition hat begonnen.

Ein Verdienst, zu dem über die Jahre auch die Teilnehmenden des Freiwilligen Ökologischen Jahres beigetragen haben, indem sie Nisthilfen angebracht und Blühflächen eingerichtet haben.

Garten mit Holzzaun
Vögel sitzen auf Stromleitungen

Als Kulturfolger brauchen Mehlschwalben unsere Unterstützung und die Bereitschaft, ihnen geeignete Nistplätze an Gebäuden zu belassen oder gezielt bereitzustellen. Auch ausreichend viele Insekten, angelockt durch Blühpflanzen, sind wichtig.

Menschen, die sich am Kot unter den Nestern stören und versuchen die Schwalben zu vergrämen, antwortet Rómulo „Vogelkot am Haus ist eine Zier.“ Für ihn sind die Schwalben ein lebendiges Symbol für gelebte biologische Vielfalt und ein Beweis dafür, dass die Natur direkt vor unserer Tür erlebbar ist.

Und ganz grundsätzlich gelten Schwalben als Glückssymbol: Also ein Grund mehr, sich über jeden einzelnen dieser kühnen Rückkehrer zu freuen!

Zwei Vogelköpfe schauen aus Nest

Für seinen Einsatz zum Schutz der Mehlschwalben ist das Natur-Erlebniszentrum Gut Herbigshagen im Mai 2026von der NABU-Gruppe Untereichsfeld als „Schwalbenfreundliches Haus“ ausgezeichnet worden.

Mit der Verleihung der Plakette würdigt der Naturschutzbund das langjährige Engagement der Heinz Sielmann Stiftung für die Wiederansiedlung der gefährdeten Vogelart auf dem Gutsgelände.

Romulo Aramayo Schenk nimmt Auszeichnung "Schwalbenfreundliches Haus" von Astrid Thielecke entgegen