Vier Wisente laufen über trockene Wiese, dahinter zwei hellbraune Pferde

Döberitzer Heide: Wiederbesiedlung mit Großsäugern

Jahrtausende lang prägten große Pflanzenfresser unsere Landschaften. Wisente, Wildpferde, Auerochsen und andere Arten hielten Wälder offen, schufen Lichtungen und sorgten mit ihrem Fraß für eine vielfältige Mosaiklandschaft. Erst ihr Verschwinden veränderte viele Lebensräume grundlegend: Offenflächen verbuschten, lichtliebende Tier- und Pflanzenarten verloren ihren Platz. Heute knüpfen Naturschutzprojekte an diese natürliche Dynamik an. Indem große Pflanzenfresser wieder in geeignete Landschaften zurückkehren, übernehmen sie erneut ihre Rolle als Landschaftsgestalter – und tragen dazu bei, wertvolle Lebensräume auf natürliche Weise zu erhalten.

Auf dem Gelände des ehemaligen Truppenübungsplatzes in der Döberitzer Heide ist in den vergangenen Jahrzehnten ein einzigartiges Naturparadies entstanden. Auf einer Fläche von rund 5.000 Fußballfeldern wechseln sich in Sielmanns Naturlandschaft Döberitzer Heide lichte Eichenwälder, Niedermoore, Dünen mit offenen Sandflächen und trockene Heiden ab. In all diesen Lebensräumen finden zahlreiche geschützte Tierarten ein Zuhause. Rotbauchunken, Seeadler und sogar Urzeitkrebse kommen hier vor.

Luftaufnahme einer Wiese mit vereinzelten Bäumen
Luftaufnahme eines zerstörten Bunkers auf einer Wiese

Verschlissene Bunker, die einsam aus dem Boden ragen, zeugen aus einer Zeit, als in der Döberitzer Heide Explosionen, Waldbrände und umherfahrenden Panzer eine Offenlandschaft erschufen, die vielen spezialisierten Tieren und Pflanzen Lebensraum bietet.

Seit in der Döberitzer Heide keine Panzer mehr fahren, breiten sich Ginster, Robinie und andere Gehölze schnell aus und drohen das Offenland zuzuwuchern. Dagegen unternimmt die Stiftung regelmäßig viel Aufwand, um zehntausende Büsche samt Wurzeln zu entfernen und offene Flächen zu erhalten.

Neben Maschinen werden auch Schafe, Ziegen, Pferde und Galloway-Rinder eingesetzt, um den ungehinderten Pflanzenwuchs einzudämmen. Ganz besonders helfen dabei die großen Pflanzenfresser, die sich hier bereits vor Jahrhunderten durch die Landschaft fraßen und sie so stellenweise offenhielten.

Ginsterblüte in der Döberitzer Heide von oben betrachtet
Wisentbulle zwischen Birken in Heidelandschaft

Darum begann die Heinz Sielmann Stiftung 2008 hier ein deutschlandweit einzigartiges Wildtierprojekt.

Wisente, Przewalski-Pferde und Rothirsche wurden ab 2008 in eine riesige Kernzone eingebracht, um hier unter nahezu natürlichen Bedingungen und im Einklang mit der Natur leben zu können.

Futter ist für die gefräßigen Großtiere ausreichend in der Natur vorhanden: Gräser, Kräuter, Laub, frische Äste und Rinde, die in großen Streifen von den Bäumen geschält wird. Eigens gebaute Brunnen versorgen die Tiere in der sonst eher trockenen Landschaft mit Wasser.

Wiesente mit Jungtieren stehen eng beieinander und schauen in Richtung Kamera
Braunes Pferd nagt Rinde von Baum

Dank eines Europäischen Erhaltungszuchtprogramms halten die wilden Säuger nun die Flächen auf Brandenburgs ehemaligem Truppenübungsplatz nahe Berlin frei.

Durch den Menschen waren Przewalski-Pferde Ende der 1960er Jahre in der Natur ausgerottet. Aus Zoobeständen konnten in den 90er Jahren wieder einige kleine Herden angesiedelt werden.

Um die vom Aussterben bedrohten Wildpferde zu erhalten, hat sich die Heinz Sielmann Stiftung dem Europäischen Erhaltungszuchtprogramm angeschlossen. Sie steuert geeignete Tiere aus ihren Landschaften für den Erhalt der Population in der Mongolei bei.

Braunes Pferd vor Bäumen und Schnee, im Hintergrund zwei Wisente
Röhrender Hirsch auf einer Lichtung

Auch die Rothirsche lassen sich von hier aus gut beobachten. Besonders eindrucksvoll ist das Spektakel während der Brunftzeit, wenn sich die Hirsche mit ihren gewaltigen Geweihen und lautstarkem Röhren gegenseitig imponieren.

Indem die Großsäuger das Offenland erhalten, fördern sie gleichzeitig auch die Artenvielfalt in ihrer Umgebung: Von der niedrig gefressenen Vegetation profitieren Heuschrecken, Wildbienen wie die Heidekraut-Sandbiene und andere wärmeliebende Arten.

Offene Stellen am Boden, in denen sie sich gewälzt oder in denen sie mit ihren Hufen gekratzt haben, sind perfekter Lebensraum für Bienen-, Hummel- und Käferarten.

Wisent wälzt sich im Sand mit allen vieren von sich gestreckt

Da die Tiere hier – anders als konventionelle Nutztiere – keine Medikamente erhalten, ist selbst ihr Kot ein wahres Eldorado. 35 verschiedene Dungkäferarten wie der Frühlingsmistkäfer oder der Stierkäfer leben in und von den Hinterlassenschaften der großen Pflanzenfresser.

Und auch Pilze leben von dem Kot der Tiere: Erst 2021 wiesen Forscher auf dem Dung eines Przewalski-Pferds eine lang verschollene Schlauchpilzart nach. Es handelt sich um die Punktierte Porenscheibe (Poronia punctata), die zuletzt 1843, also vor mehr als 170 Jahren, in Brandenburg gefunden wurde.

Blau-metallisch schimmernder Käfer sitzt auf Dung
Steinschmätzer im Offenland

Die vielen Insekten und das Offenland ziehen ihrerseits spezialisierte Vögel wie Wiedehopf, Neuntöter, Steinschmätzer, Heidelerche und Ziegenmelker an. Solche Spezialisten, die deutschlandweit selten sind, kommen aufgrund der Lebensbedingungen in der Döbe

Rot-schwarze Spinne auf Sand mit zwei erhobenen Beinen

Darunter auch diese Rote Röhrenspinne, nachgewiesen. Eine beträchtliche Zahl, die das Gebiet zu einem herausragenden Hotspot der Artenvielfalt in Deutschland macht...

Seit einigen Jahren ist auch ein Wolfsrudel in der Heidelandschaft heimisch. Normalerweise sind Territorien der Raubtiere rund 25.000 Hektar groß. Offenbar kommt die Döberitzer Heide mit ihrer Arten- und Strukturvielfalt einem perfekten Lebensraum schon recht nah, wenngleich es ihr an Größe fehlt.

Wolfswelpen auf einem Waldweg in der Döberitzer Heide
Wisent schaut hinter Baum hervor

Wegen des Munitionsverdachts und Altlasten aus vormilitärischer Nutzung dürfen Besuchende die Döberitzer Heide nur auf ausgewiesenen Waldwegen betreten. Einer dieser Wege führt zum Pavillon in der „Wüste“, wo man mit etwas Glück eines der aktuell 130 Wisente oder 23 Przewalski-Pferde sehen kann.

Hier grenzt der etwa 2.000 Hektar große, weitläufig umfriedete Kernbereich der Döberitzer Heide an, in dem die Großsäuger leben. Wer einmal einen Wisent – oder gar eine ganze Herde – live in der Natur erblickt hat, wird sich wohl mit Begeisterung daran erinnern.

 

Sonnenaufgang auf einem Waldweg