Steinschmätzer im Offenland

Singvögel

Singvögel begeistern mit ihrem Gesang und ihrer Vielfalt. Erfahren Sie mehr über heimische Arten und wie Sie sie schützen können.

Besonders in den Frühlingsmonaten erfüllen Singvögel mit Pfeifen, Zwitschern und vielstimmigem Gesang die Luft. Mit ihrem ausdauernden Symphoniekonzert kündigen sie eine hellere, wärmere Jahreszeit an. Singvögel sind Vogelarten, deren Gesang besonders ausgeprägt ist. Viele bekannte Arten haben sich an vom Menschen geprägte Kulturlandschaften angepasst. Dazu gehören die Blaumeise (Cyanistes caeruleus), die Nachtigall (Luscinia megarhynchos) und das Rotkehlchen (Erithacus rubecula). Neben diesen vertrauten Arten gibt es Singvögel, die eher abseits menschlicher Gefilde leben. Dazu zählen der Steinschmätzer (Oenanthe oenanthe) und die Sperbergrasmücke (Sylvia nisoria). Doch die Melodien einiger Singvogelarten ertönen immer seltener. Der Bestand des Baumpiepers (Anthus trivialis) sank in den vergangenen Jahren in einigen Gebieten um bis zu 80 Prozent.

Wenn Singvögel verschwinden, verliert die Landschaft ein Stück ihrer Stimme. Ihr Rückgang zeigt, wie eng Artenvielfalt, Lebensräume und menschliche Nutzung miteinander verbunden sind. Entdecken Sie, warum der Schutz wertvoller Lebensräume für Singvögel und viele andere Arten so wichtig ist.

Um 0 Uhr

singt nur noch die Nachtigall.

Im Schnitt 6 Gramm

wiegt der kleinste deutsche Singvogel, das Goldwinterhähnchen (Regulus regulus). Soviel wie zwei Zuckerwürfel.

Etwa 10-20 %

Körpergewicht verliert ein meisengroßer Vogel in einer Winternacht.

90 Dezibel

laut ist der Zaunkönig (Troglodytes troglodytes) und damit im Verhältnis zur Körpergröße der lauteste heimische Singvogel.

30.000 km

legt der Steinschmätzer auf seinem Zug ins Winterquartier zurück. Damit ist er Weltrekordhalter unter den Singvögeln.

Singvögel zeichnen sich durch ihre jeweils einzigartige Tonfolge aus. Ihre Gesänge unterscheiden sich je nach Art deutlich voneinander. Singvögel nutzen ihren Gesang vor allem zur Revierverteidigung und zur Partnerwahl. Dabei sind es fast ausnahmslos die Männchen, die singen. Sie behaupten damit ihr Revier gegenüber Rivalen und wollen potenzielle Partnerinnen beeindrucken. Um dabei aufzufallen, verfügen Singvögel über erstaunliche Fähigkeiten.

 

Singvögel besitzen ein besonderes Stimmorgan: die Syrinx. Mit ihr können sie sogar zweistimmig singen. Um die feinen Unterschiede und Botschaften im Gesang wahrzunehmen, haben sie außerdem einen ausgeprägten Hörsinn. Einige Arten können Tonfolgen speichern und wiedergeben. Damit sie im morgendlichen Konzert nicht untergehen, singen verschiedene Vogelarten zu unterschiedlichen Zeiten. Diese abgestimmte Reihenfolge wird als Vogeluhr bezeichnet

Singende Goldammer sitzt auf Zweig im grünen Geäst

Auch in Städten behaupten sich Singvögel gegen Lärm und Hektik. Über mehrere Generationen hinweg haben sich bemerkenswerte Anpassungen entwickelt. So beginnen städtische Rotkehlchen bereits nachts oder in den frühen Morgenstunden zu singen – dann, wenn es noch ruhig ist. Nachtigallen erhöhen ihre Lautstärke deutlich. Kohlmeisen (Parus major) passen ihre Tonhöhe an und singen in höheren Frequenzen. Stare (Sturnus vulgaris) gehen noch einen Schritt weiter: Sie bereichern ihren Gesang mit fremden Geräuschen. Sie imitieren nicht nur andere Vogelstimmen, sondern auch Alltagsgeräusche wie Türglocken, Handys oder Fahrradklingeln.

Singender Star sitzt auf Holztisch

Einige Singvögel kommen gut mit den durch den Menschen veränderten Landschaften zurecht. Als sogenannte Kulturfolger – also Arten, die sich an menschliche Lebensräume anpassen – finden sie Nahrung und Nistmöglichkeiten in Städten, Parks oder Gärten. Andere Singvogelarten hingegen bevorzugen ruhigere und ursprünglichere Lebensräume. Sie ziehen sich aus genutzten Landschaften zurück und nisten in abgelegenen, naturnahen Gebieten. Sie flüchten sozusagen aus unseren Kulturflächen hin in großflächige Naturlandschaften.

 

Amsel auf einem Baum
Grünfink auf Nadelbaumzweig
Zaunkönig
Singdrossel sucht im Gras nach Futter
Blaumeise hält sich kopfüber unter einem Ast fest
Buchfink im Nadelbaum
Bluthänfling sitzt auf Zweig
Bachstelze auf einer Weidefläche
Brachpieper in Heidelandschaft
Heidelerche auf Totholz
Neuntöter mit Insekt im Schnabel
Steinschmätzer auf Holzpfahl
Blaukehlchen auf einem Totholzstamm
Braunkehlchen auf einem Zweig

Turdus merula

Die Amsel kommt ursprünglich aus dem Wald und ist dem Menschen in Städte, Parks und Gärten gefolgt. Diese Nähe wird der Amsel allerdings auch zum Verhängnis und sie wird mitunter Opfer von Katzen und Straßenverkehr. Auffällig ist ihr hüpfender Gang bei der Nahrungssuche, wenn sie am Boden nach Futter sucht. Amseln fressen am liebsten tierische Nahrung wie Regenwürmer, Insekten und Schnecken. Im Winterhalbjahr dominieren Beeren und andere Früchte ihre Nahrung.
Amsel auf einem Baum

Chloris chloris

Grünfinken-Männchen fallen durch ihr grüngelbes Gefieder und ihren dreieckigen Schnabel auf. Sie sind typische Kulturfolger und leben in offenen Landschaften sowie Gärten oder Parks. In kleinen Kolonien von bis zu sechs Brutpaaren bauen Grünfinken ihre Nester gut geschützt in Bäumen oder Sträuchern.
Grünfink auf Nadelbaumzweig

Troglodytes troglodytes

Zaunkönige mögen naturnahe Gärten und Parks mit unaufgeräumten Ecken. Bodennahes Gesträuch, Unterholz und dichte Hecken bieten Schutz. Nahrung sucht der kleine Vogel oft hüpfend am Boden, wobei er von einem Versteck ins nächste huscht. Charakteristisch sind die kugelförmigen Nester, von denen er direkt mehrere anlegt und dem Weibchen zur Wahl stellt. Um sich im Winter vor Kälte zu schützen, kuscheln sich Zaunkönige nachts in Gruppen zusammen und wärmen sich gegenseitig.
Zaunkönig

Turdus philomelos

Die Singdrossel ist in Laub-, Misch- und Nadelwälder sowie Parks und Gärten zu Hause. Besonders bevorzugt sie Orte mit hoher Feuchtigkeit und viel Unterholz wie Au- oder Moorwälder. Ihren Namen verdankt die Singdrossel ihrem vielseitigen und kräftigen Gesang. Während der Balz beginnt die Singdrossel etwa 55 Minuten vor Sonnenaufgang ihr morgendliches Konzert.
Singdrossel sucht im Gras nach Futter

Cyanistes caeruleus

Blaumeisen leben bevorzugt an Orten mit viel Gehölz wie Parks, Gärten, Laub- und Mischwäldern. Sie klettern Bäume empor und hangeln kopfüber an Zweigen. Die Blaumeise profitiert von der Nähe zum Menschen: Bei mangelnden Baumhöhlen weicht sie gerne auf Nistkästen zum Brüten aus. Auch im Winter wissen Blaumeisen die vom Menschen aufgestellten Futterhäuschen mit Sämereien oder Beeren zu schätzen. Ihr blau-gelbes Gefieder unterscheidet sie von der schwarz-gelben Kohlmeise.
Blaumeise hält sich kopfüber unter einem Ast fest

Fringilla coelebs

Buchfinken leben in Wäldern, baumreichen Parks, Gärten und Siedlungen. Dort brüten sie in Dickichten und Hecken. Markant für das Männchen sind sein blaugrauer Kopf, die rötliche Brust und die weißen Flügelbinden. Der Name Buchfink geht zurück auf seine Leibspeise, die Bucheckern, und seinen Ruf, der wie "fink" klingt. Der Buchfink hat einen sogenannten Regenruf. Dieser erklingt während es regnet, wenn andere Vögel ihren Gesang einstellen.
Buchfink im Nadelbaum

Garrulus glandarius

Der Eichelhäher sticht durch das auffällig hellblaue Feld auf der Vorderseite seiner Flügel ins Auge. Er gehört zu den Rabenvögeln und ist hierzulande bevorzugt in strukturreichen Misch- und Laubwäldern zu Hause. Der Name Eichelhäher ist zurückzuführen auf das Anlegen seines Wintervorrats aus Eicheln und anderen Nüssen.

Linaria cannabina

Sein Name leitet sich von der auffällig rot gefärbten Stirn und Brust der Männchen ab. Bluthänflinge sind typische Kulturfolger des Tieflands und ziehen sich gern in schützende Busch- und Heckenlandschaften zurück. Aber auch in Parks und großen Gärten fühlen sie sich wohl. Bluthänflinge bevorzugen die Samen heimischer Wildkräuter wie Ampfer, Distel oder Gänsefuß.
Bluthänfling sitzt auf Zweig

Motacilla alba

Die Bachstelze bevorzugt- wie der Name erahnen lässt - Standorte in Gewässernähe. Allerdings ist sie überall dort zu finden, wo halb-offene und offene Kulturlandschaften ausreichend Nahrung und Nistmöglichkeiten bieten. Zum Brüten sucht sich die Bachstelze Nischen oder Höhlen. Besonders markantes Erkennungsmerkmal ist ihr stets wippender Schwanz.
Bachstelze auf einer Weidefläche

Anthus campestris

Der große, schlanke Brachpieper fühlt sich in offenen Lebensräumen mit hohen Anteilen vegetationsfreier Flächen wohl. Sein Nest versteckt er bodennah. Ideal sind lückige Heidelandschaften, Trockenrasen oder Brachflächen. Zur Nahrungssuche in trockenen, sandigen Gebieten rennt er schnell hin und her, bleibt plötzlich stehen, pickt nach Insekten und kleinen Reptilien und rennt flink weiter.
Brachpieper in Heidelandschaft

Lullula arborea

Sie ist die kleinste Lerchenart Deutschlands und ihr Gefieder ist in verschiedenen unscheinbaren Brauntönen gemustert. Sie hält sich auf Heideflächen und in lichten Waldgebieten mit kargem Boden und magerer Vegetation auf. Die Heidelerche braucht trockenwarme Standorte und Bäume als Singwarten, um sich wohlzufühlen. Für den Winter fliegt sie nach Südwesteuropa. Ihr charakteristischer Gesang beginnt langsam, wird aber immer schneller und dabei auch lauter.
Heidelerche auf Totholz

Lanius collurio

Der Neuntöter lebt in offenen bis halb-offenen, reich strukturierten Landschaften. Sein Nest baut er einen halben bis zwei Meter über dem Boden in dichten Dornbüschen, kleinen Bäumen oder Sträuchern wie Brombeere, Weißdorn oder Heckenrose. Mit dem kurzen, kräftigen Schnabel tötet der Neuntöter seine Beute wie Insekten, Eidechsen, Amphibien, Mäuse oder Jungvögel mit einem kräftigen Nackenbiss. Bei Nahrungsüberschuss spießt er sie auf Dornen auf oder klemmt sie in Astgabeln ein.
Neuntöter mit Insekt im Schnabel

Oenanthe oenanthe

Als Spezialist für karge Landschaften bevorzugt der Steinschmätzer Felsschutthalden, sandige Heiden, aufgelassene Tagebaue sowie Kies- und Sandgruben. Sein Nest legt er in Nischen und Spalten von Lesesteinhaufen, Trockenmauern oder Holzstapeln an. Dieser Vorliebe, gemeinsam mit seinem „schmatzenden“ Ruf, verdankt er seinen Namen. Mit seinem schwarzen Augenstreif sieht er dem Neuntöter zwar ähnlich, ist im Gegensatz zu ihm aber vom Aussterben bedroht.
Steinschmätzer auf Holzpfahl

Luscinia svecica

Blaukehlchen-Männchen machen mit ihrer leuchtend blauen Kehle ihrem Namen alle Ehre. Sie fühlen sich in feuchten, halb-offenen Gebieten wohl und brüten in Schilf und Weidengebüsch an Gewässern und Gräben sowie in Mooren und Auwäldern. Neben seinem eigenen arttypischen Gesang kann das Blaukehlchen auch komplexe Gesänge anderer Arten sowie Geräusche aus der Umwelt imitieren. Dazu gehören beispielweise das Plätschern eines Wasserfalls oder das Läuten von Kirchenglocken.
Blaukehlchen auf einem Totholzstamm

Saxicola rubetra

Das stark gefährdete Braunkehlchen bewohnt offene, feuchte Wiesen, Brachen und Feldränder mit niedriger, lückenhafter Strauchvegetation. Einzelne Büsche, hohe Stauden oder Zaunpfähle dienen als Sing- oder Sitzwarte. Kehle und Brust sind orange-braun, der Rücken braun gemustert. Der helle Überaugenstreif der Männchen bildet einen starken Kontrast zu den dunklen Kopfseiten. Den Winter verbringen Braunkehlchen in warmen Gebieten Afrikas und überfliegen dafür die Sahara.
Braunkehlchen auf einem Zweig
Kompakter Naturführer Gartenvögel

Mit unserem kompakten Naturführer lernen Sie Erkennungsmerkmale einiger typischer heimischer Gartenvögel kennen.

 

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Singvögel bieten uns nicht nur ein musikalisches Ensemble. Indem sie vermeintliche Pflanzenschädlinge fressen und die Samen von Pflanzen über ihren Kot verbreiten, übernehmen Singvögel eine wichtige Rolle im Ökosystem. Doch der Bestand einiger Singvogelarten gerät zunehmend unter Druck.

Monotone Rapsfelder wechseln sich mit anderen intensiv bewirtschafteten Ackerflächen ab
tote Hummel liegt auf dem Rücken auf einem Holzbrett
Katze sitzt im Vogelhaus und leckt sich über das Maul, in Jagdstellung zu einer Meise
Buchfink fliegt vor einer Fensterscheibe
Besonders gefährdet sind Vögel der Agrarlandschaft wie die Feldlerche (Alauda arvensis). Die intensive Landwirtschaft nimmt ihnen Brut- und Nahrungsmöglichkeiten. Pestizide verringern das Insektenangebot, Feuchtwiesen werden entwässert und Wiesen häufig überdüngt oder zu oft gemäht. So gehen wertvolle Lebensräume verloren und vielen Vogelarten fehlt die Grundlage, um erfolgreich zu brüten und ihre Jungen aufzuziehen.
Immer größere Ackerflächen und eintönige Monokulturen aus Mais, Weizen oder Raps verdrängen abwechslungsreiche Landschaften. Gleichzeitig verschwinden Brachflächen und die Vielfalt der angebauten Kulturpflanzen nimmt ab. Für viele Vogelarten gleichen solche Anbauflächen einer „grünen Wüste“: Sie finden dort weder ausreichend Nahrung noch geeignete Brutplätze.
Monotone Rapsfelder wechseln sich mit anderen intensiv bewirtschafteten Ackerflächen ab
Eine der größten Ursachen für sinkende Singvogelbestände ist das Insektensterben. Altvögel finden nicht mehr genügend proteinreiche Insekten, die sie zur Aufzucht ihrer Jungen dringend benötigen. Folglich können sie ihre Nachkommen nicht ausreichend ernähren und die Bestände brechen ein.
tote Hummel liegt auf dem Rücken auf einem Holzbrett
Zigtausende Vögel fallen in Deutschland jedes Jahr Katzen zum Opfer. Besonders in Gärten können Freigängerkatzen für Rotkehlchen, Blaumeisen, Zaunkönige und andere Singvögel zur Gefahr werden – vor allem während der ersten Flugversuche der Jungvögel. Hilfreich ist es, Katzen von Mitte Mai bis Mitte Juli morgens im Haus zu lassen. Nistkästen sollten mindestens zwei Meter hoch und Vogeltränken sowie Futterstellen mit ausreichend Abstand zu Büschen angebracht werden.
Katze sitzt im Vogelhaus und leckt sich über das Maul, in Jagdstellung zu einer Meise
Fensterscheiben und Glastüren sind für Vögel in Städten und Siedlungen eine große Gefahr. In Deutschland sterben Schätzungen zufolge jährlich rund 100 Millionen Vögel nach einem Zusammenprall mit dem durchsichtigen Glas. Abhilfe schaffen von außen angebrachte Aufkleber sowie nicht allzu häufiges Putzen. Zusätzlich machen spezielle Birdpens mit UV-Markierungen Glas für Vögel sichtbar, bleiben für den Menschen jedoch nahezu unsichtbar.
Buchfink fliegt vor einer Fensterscheibe

Vögel brauchen vielfältige Lebensräume und gezielte Schutzmaßnahmen. Deshalb engagiert sich die Heinz Sielmann Stiftung deutschlandweit für unterschiedliche Vogelarten – von Singvögeln über Wiedehopfe und Flussseeschwalben bis hin zur Versorgung verletzter Wildvögel.

Erfolg

Vier Jahre Naturschutz zeigen Wirkung: Ein aktuelles Vegetations-Monitoring der Heinz Sielmann Stiftung zeigt, wie erfolgreich sich die naturnahe Entwicklung in der Biotoplandschaft am südlichen Göttinger Stadtrand vollzieht. Während dort vor vier Jahren durchschnittlich 12,8 Pflanzenarten auf jeweils 16 Quadratmetern nachgewiesen wurden, sind es heute 29,1 Arten – mehr als doppelt so viele. Die Gesamtzahl der erfassten Pflanzenarten auf den Untersuchungsflächen stieg von 48 auf 112 Arten. Allein 22 typische Arten des extensiven Grünlands konnten nachgewiesen werden – ein deutlicher Hinweis darauf, dass sich die Fläche zu einem ökologisch wertvollen Lebensraum entwickelt.

„Die Ergebnisse zeigen eindrucksvoll, wie schnell sich Lebensräume erholen können, wenn man der Natur Raum und Zeit gibt und die richtigen Rahmenbedingungen schafft“, sagt Dr. Jörg Müller, Referent für Ökologisches Monitoring der Heinz Sielmann Stiftung. „Auf ehemals intensiv genutzten Flächen entsteht heute Schritt für Schritt ein struktur- und artenreiches Grünland mit blütenreichen Wiesen, Feuchtbereichen und Gehölzsäumen“, stellt Müller fest.

Strukturreiche Landschaft sorgt für Artenvielfalt

Davon profitieren längst nicht nur Pflanzen, sondern zahlreiche Tierarten. So wurden im Gebiet bereits verschiedene Amphibien wie Erdkröte, Grasfrosch und Kleiner Teichmolch nachgewiesen. Auch Vogelarten wie Rebhuhn, Neuntöter, Dorngrasmücke, Reiherente, Rohrammer und Eisvogel nutzen die abwechslungsreiche Landschaft als Brut-, Nahrungs- oder Rückzugsraum.

Besonders erfreulich ist laut Müller auch das Vorkommen von Säugetieren wie Wildkatze, Fischotter, Biber, Hermelin und Iltis, die auf strukturreiche Landschaften angewiesen sind. Hinzu kommen inzwischen 23 Libellenarten, die hier innerhalb der letzten drei Jahre an den neu geschaffenen Kleingewässern und den Ufern der Leine festgestellt wurden.

Zahlreiche Tierarten erstmals dokumentiert

Bei den aktuellen Erfassungen im Mai 2026 konnten darüber hinaus zahlreiche weitere Tierarten erstmals für das Gebiet dokumentiert werden. Dazu gehören unter anderem der Irrende Dungkäfer, der Distelfalter, das Grüne Heupferd, die Gemeine Dornschrecke oder der Kleine Hopfen-Wurzelbohrer.

„Jeder neue Nachweis bestätigt uns, dass wir hier ein Refugium für unterschiedlichste Pflanzen- und Tiergruppen geschaffen haben. Die Biotoplandschaft entwickelt sich aus unserer Sicht zu einem echten Vorzeigeprojekt“, sagt Müller.

Extensive Beweidung als Motor der Artenvielfalt

Der Erfolg kommt nicht von ungefähr. Um die Biotoplandschaft langfristig zu erhalten und zu pflegen, setzen die Stadt Göttingen als Flächeneigentümerin und die Heinz Sielmann Stiftung auf eine extensive Beweidung mit robusten Zwerg-Zebus. Das selektive Fressverhalten der kleinen Buckelrinder sorgt dafür, dass selbst der wehrhafte Distelbewuchs effektiv zurückgedrängt wird und seltene, weniger konkurrenzstarke Pflanzenarten neuen Lebensraum finden. So entstehen unterschiedlich hohe Vegetationsbereiche, die zahlreichen anderen Pflanzen- und Tierarten optimale Bedingungen bieten.

„Eine Beweidung ist notwendig, da am Flüthewehr eine Offenlandschaft erhalten werden soll“, erklärt Henrik Dzeia, Flächenpächter und Halter der Zebus: „Ohne Pflege würden sich Büsche und Bäume ausbreiten. Die Zebus beugen dem vor und sorgen dafür, dass keine gleichförmige Rasenfläche entsteht, sondern ein Mosaik aus offenen Bodenstellen, feuchten und trockenen Bereichen mit unterschiedlich hohem Bewuchs. Genau solche Strukturen sind besonders wertvoll für die Artenvielfalt.“

Vom Acker zur Biotoplandschaft

Die 16 Hektar große Biotoplandschaft am Flüthewehr entstand auf ehemals intensiv genutzten Ackerflächen beidseits der Leine. Das auf Initiative des Göttinger Life-Science-Unternehmens Sartorius entstandene Projekt wurde gemeinsam mit der Stadt Göttingen und der Heinz Sielmann Stiftung umgesetzt und im Juli 2022 offiziell eröffnet. Sartorius finanzierte die Gestaltung und die Pflege der Flächen. Die Stadt Göttingen stellte die Flächen zur Verfügung und übernahm dauerhaft die Unterhaltung des Zauns sowie anfallende Reparaturmaßnahmen an den baulichen Anlagen. Die Heinz Sielmann Stiftung koordinierte die naturschutzfachlichen Maßnahmen.

Dafür wurden unter anderem Flutrinnen und Mulden, mehrere temporäre Flachwassertümpel sowie ein dauerhaftes Stillgewässer angelegt. Während ein Teil der Flächen heute mit Zwerg-Zebus extensiv beweidet und als strukturreiches Offenland erhalten wird, bleiben Bereiche entlang der Leine von der Beweidung ausgenommen. Dort darf sich langfristig ein naturnaher Auwald entwickeln. Das aktuelle Monitoring zeigt nun, wie deutlich sich insbesondere die Vegetation bereits in den ersten vier Jahren verändert hat.

Natur erleben und Entwicklungen beobachten

Die Entwicklung der Biotoplandschaft lässt sich auch unmittelbar vor Ort verfolgen. Wanderwege, Informationstafeln, ein Holzsteg und eine Beobachtungsplattform machen das Gebiet auch zu einem attraktiven Ausflugsziel und ermöglichen Einblicke in die unterschiedlichen Lebensräume, ohne empfindliche Bereiche betreten zu müssen.

Wer noch mehr über die Entwicklung des Gebietes und die Rolle der Zwergzebus als tierische Landschaftspfleger erfahren möchte, kann sich bei Henrik Dzeia für eine Besucherführung in der Biotoplandschaft anmelden.

Weitere Informationen zur Biotoplandschaft am Flüthewehr finden Sie auf der Webseite der Heinz Sielmann Stiftung.

Erfolg

In Sielmanns Naturlandschaft Groß Schauener Seen haben wir mehrere Brutinseln aus Aluminium ausgebracht, um die Population der gefährdeten Langstreckenzieher zu unterstützen.

Erfolg

Zu Mehlschwalben hat Rómulo vom Gut Herbigshagen eine ganz besondere Verbindung. Warum und was er für ihren Schutz tut.

Unsere Naturlandschaften bieten zahlreichen Vogelarten geschützte Brutplätze, Rückzugsräume und ein vielfältiges Nahrungsangebot. Mit etwas Geduld lassen sich dort sowohl häufige als auch seltene Arten beobachten. Wir stellen sechs Vögel vor und zeigen, in welchen Landschaften die Chancen besonders gut stehen, sie zu entdecken.

Blaukehlchen auf einem Totholzstamm

Luscinia svecica

In den feuchten, halb-offenen Gebieten des Biotopverbunds Nette versteckt sich das Blaukehlchen. Hier brütet es im Schutz des Schilfs am Uferrand. Besonders gut zu beobachten sind Blaukehlchen während der Balz im April, wenn sie an exponierter Stelle auf Büschen oder Schilfhalmen ihre blaue Brust präsentieren.
Heidelerche auf Totholz

Lullula arborea

Die Heidelerche findet in Sielmanns Naturlandschaft Kyritz-Ruppiner Heide und im Biotopverbund Grünes Band Eichsfeld-Werratal idealen Lebensraum. Auf sonnigen, trockenen und kahlen Flächen findet sie genügend Insekten als Nahrung. Anders als die Feldlerche singt sie nicht nur im Flug, sondern auch gern von Sitzwarten auf Bäumen und Büschen aus.
Brachpieper in Heidelandschaft

Anthus campestris

In den vegetationsfreien Flächen der Sielmanns Naturlandschaft Wanninchen, einem ehemaligen Braunkohletagebau, fühlt sich der Brachpieper wohl. Bis auf wenige Ausnahmen kommt er nur noch hier im Nordosten Deutschlands vor. Auf der Suche nach Insekten flitzt er flink über den Sand, ähnlich einer Bachstelze.
Neuntöter mit Insekt im Schnabel

Lanius collurio

Von Mitte Mai bis August sind Neuntöter in ihrem Brutgebiet in Sielmanns Biotopverbund Grünes Band Eichsfeld-Werratal zu finden. Fast 200 Brutpaare leben in Sielmanns Naturlandschaft Döberitzer Heide vor den Toren Berlins. Die Tiere sitzen häufig auf den obersten Ästen von Büschen und Sträuchern, um Ausschau nach Beute zu halten. Den Winter verbringen sie in Südafrika.
Sumpfrohrsänger sitzt im Geäst

Acrocephalus palustris / Acrocephalus scirpaceus

In den dicht aneinander gereihten Feuchtgebieten von Sielmanns Biotopverbund Bodensee leben Sumpf- und Teichrohrsänger. An Gräben bzw. im Schilfröhricht machen die sonst sehr unscheinbaren Vögel durch ihren charakteristischen Gesang auf sich aufmerksam.
Singender Waldpieper sitzt im Geäst

Anthus trivialis

Im Biotopverbund Weißenstein findet der Baumpieper eine Heimat. In der hohen Vegetation der Waldränder versteckt er sein napfförmiges Nest in Grasbüschel. Totholz bietet ein reichhaltiges Angebot an Raupen, Spinnen und Insekten. Die Bäume am Waldrand eignen sich hervorragend als Singwarten, von denen der Baumpieper seinen Singflug startet.
  • Fernglas mitnehmen: Die meisten Singvögel halten sich gut verborgen in Hecken, Sträuchern oder hoch oben in Bäumen auf.
  • Auf den Gesang achten: Lauschen Sie genau, aus welcher Richtung die Töne kommen. Oft sitzen die Vögel gut sichtbar auf erhöhten Sitzwarten und tragen von dort ihr Lied vor.
  • Vogelstimmen vorab kennenlernen: Wer sich typische Gesänge bereits vorher digital angehört hat, kann Singvögel in der Natur leichter erkennen – auch wenn sie im dichten Laub verborgen bleiben.
  • Früh unterwegs sein: In den frühen Morgenstunden sind viele Arten besonders aktiv und markieren mit ihrem Gesang ihr Revier.
  • Die richtige Jahreszeit wählen: Besonders viele Singvögel lassen sich von März bis Mitte Mai während der Balzzeit hören. Mit Beginn der Brutzeit wird es deutlich ruhiger. Zudem kehren einige Arten erst spät aus ihren Winterquartieren zurück.
Frau sitzt hinter Ästen und schaut durch ein Fernglas