Baumkronen von unten

Wälder sind die grüne Lunge unseres Planeten und für funktionierende Ökosysteme unverzichtbar. Dennoch schreitet der Verlust naturnaher Wälder weltweit weiter voran.

Lebensraum Wald

Grüne Lunge unseres Planeten

Der Wald ist seit Jahrtausenden Anziehungspunkt für Menschen. Früher Schauplatz schauriger Mythen und Märchen, gewinnt er heute als Ort der Erholung und des Naturerlebens sowie als wichtiger Ausgleich zum Alltag neue Bedeutung.

Doch wie steht es um unsere Wälder? Als Kohlenstoffspeicher, Luftreiniger und Lebensraum übernehmen sie zentrale Aufgaben für Mensch und Natur. Gleichzeitig geraten sie durch Klimawandel und intensive Nutzung zunehmend unter Druck. Der Schutz unserer Wälder ist daher entscheidend für Klima, Artenvielfalt und unsere Zukunft.

2,8 %

der Wälder in Deutschland können sich frei entwickeln. Der Rest wird bewirtschaftet oder anderweitig durch uns beeinflusst.

3 Billionen Bäume

gibt es schätzungsweise weltweit, das sind ca. 422 Bäume pro Person.

11,4 Mio. Hektar

Wald gibt es in Deutschland, also fast ein Drittel der gesamten Landesfläche.

25–38 Mio. Tonnen

Sauerstoff erzeugen unsere Wälder in etwa jährlich.

40 Jahre

kann es dauern, bis eine Eiche zum ersten Mal Früchte trägt.

9.550 Jahre

alt soll der älteste noch lebende Baum der Welt sein, eine Fichte im schwedischen Fulufjäll-Gebirge.

Ohne menschlichen Einfluss wäre Deutschland heute überwiegend von Buchenwäldern bedeckt – etwa drei Viertel der Fläche. Tatsächlich sind es nur noch rund 15 Prozent. Besonders alte, naturnahe Buchenwälder sind extrem selten: Sie machen weniger als ein Promille der Fläche aus. Einige dieser letzten ursprünglichen Wälder wurden als UNESCO-Weltnaturerbe ausgezeichnet.

Naturnahe Wälder unterscheiden sich grundlegend von intensiv genutzten Wirtschaftswäldern. Sie sind strukturreich, vielschichtig und entwickeln sich weitgehend ohne Eingriffe des Menschen. Gerade diese Vielfalt an Strukturen macht sie zu besonders wertvollen Lebensräumen.

Ein entscheidender Faktor ist das Totholz: Abgestorbene Bäume bleiben im Wald und werden nicht entfernt. Sie bieten Lebensraum für unzählige Tiere, Pilze und Pflanzen – darunter viele seltene und gefährdete Arten, die auf solche Strukturen angewiesen sind. In naturnahen Wäldern entstehen außerdem Baumhöhlen, Bruchstellen, alte Kronen und unterschiedliche Altersphasen nebeneinander. Dieses Nebeneinander schafft ein komplexes Ökosystem mit zahlreichen Nischen. In intensiv bewirtschafteten Wäldern fehlen diese Strukturen häufig. Bäume werden meist gefällt, bevor sie alt werden oder ökologisch wertvolle Merkmale ausbilden. Dadurch gehen wichtige Lebensräume verloren und die biologische Vielfalt nimmt ab.

Alte, mit Moos bewachsene Baumstämme liegen in einem Wald

Der Wald ist wie ein mehrstöckiges Haus aufgebaut: Vom Waldboden bis in die Baumkronen leben ganz unterschiedliche Arten. Am Boden finden sich Ameisen, Käfer, Pilze und Kleinsäuger wie Mäuse, während in Sträuchern und Baumstämmen Tiere wie Spechte, Eichhörnchen oder sogar Wildkatzen leben. Hoch oben in den Baumkronen bewegen sich Vögel wie der Buchfink oder der Habicht sowie zahlreiche Insekten. Jede „Etage“ bietet ihren eigenen Lebensraum. Auch die ersten Luchse wurden wieder in unseren Wäldern gesichtet.

Grauspecht sitzt auf einem Baumstamm
Picus canus
Sehr hohes Risiko des Aussterbens
Wald Wiesenvögelchen sitzt auf einem Blatt
Coenonympha hero
Sehr hohes Risiko des Aussterbens
Schlingnatter schlängelt sich über Steine
Coronella austriaca
Hohes Risiko des Aussterbens
Wildkatze sitzt im Gebüsch
Felis silvestris silvestris
Hohes Risiko des Aussterbens
Wolf steht auf einem Feld
Canis lupus
Hohes Risiko des Aussterbens
Trauermantel sitzt auf Waldboden
Nymphalis antiopa
Bestände merklich rückläufig, aber aktuell noch nicht gefährdet
Zwei Waldschnepfe fressen
Scolopax rusticola
Bestände merklich rückläufig, aber aktuell noch nicht gefährdet
Wachsendes Baum-Kettenmoos an einem Stein
Pseudoleskeella nervosa
Die Bestände der Art sind stabil
Bluehende Buschwindroeschen
Anemone nemorosa
Die Bestände der Art sind stabil
Wachsrindenschwamm an einem Stamm
Eichleriella deglubens
Die Bestände der Art sind stabil
Wachsendes Wolfsfuss
Anomodon viticulosus
Die Bestände der Art sind stabil
Wachsendes Fuchsschwanzmoos
Thamnobryum alopecuroides
Die Bestände der Art sind stabil
Corydalis cava
Die Bestände der Art sind stabil
Schneefloh steht auf einem Blatt
Bolerus hyemalis
Die Bestände der Art sind stabil
Schwarzstorch steht im Wasser
Ciconia nigra
Die Bestände der Art sind stabil
Siebenschläfer sitzt an dem Ast eines Eichelbaum
Glis glis
Die Bestände der Art sind stabil
Bubo bubo
Die Bestände der Art sind stabil
Waldmaus sitzt im Laub
Apodemus sylvaticus
Die Bestände der Art sind stabil
Waldwasserläufer steht im Wasser
Tringa ochropus
Die Bestände der Art sind stabil
Wanderfalke im Abflug von einem Ast
Falco peregrinus
gem. Roter Liste
Angaben gemäß der Roten Liste Deutschlands

Wälder spielen eine zentrale Rolle im Klimaschutz, doch gleichzeitig leiden sie selbst unter den Folgen der Klimakrise. Um aus Kohlendioxid (CO₂) Sauerstoff zu produzieren, benötigen Bäume vor allem Wasser. Die deutschen Wälder erzeugen jährlich etwa 25–38 Millionen Tonnen Sauerstoff. Das ist etwa eineinhalb mal mehr als wir zum Atmen brauchen. Da wir allerdings nicht nur atmen, sondern durch Autos, Flugverkehr, Industrie oder Heizen zusätzlich riesige Mengen CO₂ verursachen, reicht die CO₂-Aufnahme des Waldes nicht aus, um sämtliche menschengemachten CO₂-Emissionen auszugleichen. Es verbleibt zu viel des Treibhausgases in der Atmosphäre, was die Klimakrise verstärkt. Die Folge sind steigende Temperaturen, lange Trockenperioden, Starkregen und lange Frostperioden.

Wolken über einem Wald, im Hintergrund ein Kraftwerk, das Abgase ausstößt

Trockenheitstolerante Baumarten wie Kiefer und Eiche können damit bis zu einem gewissen Grad umgehen. Feuchtigkeitsliebende Arten wie Fichte oder Buche können dem Wandel weniger gut standhalten. Je mehr Blätter ein Baum hat, desto mehr Wasser verdunstet er. Laubbäume wie die Buche verlieren jedoch im Herbst ihre Blätter und senken damit ihren Wasserverbrauch. Nadelbäume wie die Fichte behalten ihre Nadeln das ganze Jahr über – und verdunsten deshalb auch im Winter weiterhin Wasser. Wenn es über längere Zeit zu trocken ist, wird Wasser für alle Bäume knapp. Um sich zu schützen, reagieren viele Laubbäume, indem sie ihre Blätter früher abwerfen. So verringern sie zwar den Wasserverlust, doch gleichzeitig verlieren sie die Grundlage für die Energieproduktion. Denn ohne Blätter können Bäume keine Photosynthese betreiben und somit keine Nährstoffe bilden. Sie gehen geschwächt in die nächste Wachstumsperiode und sind anfälliger für Hitze, Stürme und Krankheiten.

So gerät der Wald immer stärker unter Druck und mit ihm ein wichtiger Bestandteil bei der Bewältigung der Klimafolgen sowie ein zentraler Lebensraum für die Artenvielfalt.

absterbende Baumgruppe inmitten eines Waldes
Wald aus der Vogelperspektive
Luftaufnahme abgebrannter Wald Übergang zu nicht abgebranntem Wald

Die Heinz Sielmann Stiftung kauft gezielt Waldflächen und entzieht sie dauerhaft der Holzwirtschaft. Alte Laubwälder und artenreiche Bestände können sich ungestört entwickeln. Totholz bleibt als wichtiger Lebensraum für Pilze, Insekten und seltene Tiere erhalten. Zugleich sichert die Stiftung Wanderwege und macht die Wälder für Besucher erlebbar.

Büsche und Bäume mit teils orange-roter Färbung
Luchs läuft über Steine
Luftaufnahme einer Feuchtwiese mit dunklen Teichen, am Horizont Windkraftanlagen
Hügelige Landschaft mit Feldern und Büschen
Panorama Route in Südafrika mit bewaldeten Bergen und einem Fluss
Gorilla sitzt im Blattwerk und knabbert an Pflanze
Steppenlandschaft in afrikanischem Nationalpark mit Baum im Vordergrund und Gebirge im Hintergrund
Im Jahr 2019 erwarb die Heinz Sielmann Stiftung einen besonderen Wald auf der Schwäbischen Alb in Baden-Württemberg. Hier, hinter dem malerischen Schloss Weißenstein befindet sich eine kleine Schatzkammer der Artenvielfalt. Hier darf der Wald ohne menschlichen Nutzungsdruck alt werden.
Büsche und Bäume mit teils orange-roter Färbung
Aus der Todeszone am Eisernen Vorhang ist mitten in Deutschland ein Paradies für die Natur geworden. Sielmanns Biotopverbund Eichsfeld-Werratal erstreckt sich über 130 Kilometer entlang des Grünen Bandes. Er verbindet zahlreiche seltene Lebensräume wie die typischen Kalk-Orchideen-Buchenwälder. Auf ihren ausgedehnten Wanderungen finden hier Luchs und Wildkatze Rückzugsräume.
Luchs läuft über Steine
Laut Nationaler Biodiversitätsstrategie sollen zwei Prozent der Landesfläche Deutschlands als großflächige Wildnisgebiete geschützt werden. Den aktuellen Stand ermittelt die Heinz Sielmann Stiftung zusammen mit der Naturstiftung David und der Zoologischen Gesellschaft Frankfurt im Rahmen eines DBU-kofinanzierten Projektes. Daneben schlagen die Partner weitere potenzielle Wildnisgebiete vor, die di
Luftaufnahme einer Feuchtwiese mit dunklen Teichen, am Horizont Windkraftanlagen
Gemeinsam mit der Stiftung Menschen für Menschen förderte die Heinz Sielmann Stiftung von 2017 bis 2021 die Wiederbewaldung in der South Wollo Zone (Äthiopien). Durch Terrassierung und Baumpflanzungen entstanden neue Waldflächen. Die lokalen Gemeinden sichern und schützen diese nachhaltig.
Hügelige Landschaft mit Feldern und Büschen
100 Millionen Hektar Wald in Afrika bis 2030 wiederherstellen – das ist das Ziel der Initiative AFR100. Wir sind seit 2018 technischer Partner dieser Initiative, die anlässlich der Verhandlungen zum Pariser Klimaabkommen ins Leben gerufen wurde. Sie ist ein wichtiger Bestandteil der internationalen Bemühungen um eine global nachhaltige Entwicklung.
Panorama Route in Südafrika mit bewaldeten Bergen und einem Fluss
Von 2018 bis 2019 unterstützte die Heinz Sielmann Stiftung ein zukunftsweisendes Wiederbewaldungsprojekt im Rakai Distrikt in Uganda. 150.000 heimische Bäume wurden gezogen und im Bwindi- und Mgahinga-Gorilla-Nationalpark gepflanzt. Die neuen Bäume spenden nicht nur dringend benötigten Lebensraum für Berggorillas, deren Existenz durch die stete Vernichtung des Waldes in ihrer Existenz bedroht ist.
Gorilla sitzt im Blattwerk und knabbert an Pflanze
Im Rumphi-Distrikt westlich des Malawisees baute die Heinz Sielmann Stiftung 2020 gemeinsam mit der Rumphi Residents Association (RRA) lokale Baumschulen auf. Ziel ist es, heimische Baumarten zu fördern und Artenverlust zu stoppen. Im Vwaza Marsh Wildschutzgebiet bilden rund 8.500 Pflanzenarten die Grundlage für etwa 48 Säugetier- und 380 Vogelarten.
Steppenlandschaft in afrikanischem Nationalpark mit Baum im Vordergrund und Gebirge im Hintergrund
Erfolg

Seit vielen tausend Jahren ist das Gebiet von Sielmanns Waldbiotop Schwäbische Alb sehr wahrscheinlich durchgehend bewaldet. Während an vielen anderen Orten Flächen gerodet oder bewirtschaftet wurden, blieben die oberen Hänge rund um Weißenstein im Landkreis Göppingen vor allem aufgrund ihres steilen Reliefs weitgehend sich selbst überlassen. Ein äußerst kostbarer Zustand: Es handelt sich somit um Relikte jenes Urwalds, der sich nach der letzten Eiszeit in Europa flächendeckend ausbreitete.

Relikte des einst vorherrschenden Urwalds

Bewiesen haben das zwei unscheinbare Käfer, die bei einer wissenschaftlichen Erfassung in dem Waldgebiet festgestellt wurden. Reitters Strunksaftkäfer (Synchita separanda) und der Rothörnige Moosgroßhalbflügler (Hesperus rufipennis) heißen die beiden bemerkenswerten Funde. Sie zählen zu den sogenannten Urwald-Reliktarten. „Diese Käferarten können nur dann überleben, wenn sie über viele Jahrhunderte hinweg kontinuierlich alte Bäume und entsprechende Totholz-Lebensräume vorfinden“, erklärt Käferexperte Andreas Weigel, der die Erfassung im Auftrag der Heinz Sielmann Stiftung durchgeführt hat.

Die Tiere leben unter der Rinde oder in Höhlen alter Baumstämme und ernähren sich häufig von Pilzen oder Kleinstorganismen. „Zudem können sich Urwald-Reliktarten kaum oder gar nicht ausbreiten. Wenn also ein Wald gerodet wird oder alte Bäume aus ihm regelmäßig entfernt werden, verschwinden sie“, sagt Weigel.

Käfer als Beweismittel für Waldzustand

Richtige Urwälder existieren heute in Deutschland nicht mehr. Über lange Zeit bestehende Waldbestände sind äußerlich nicht erkennbar. Sie lassen sich aber anhand von Indikatorarten aus Flora und Fauna bestimmen. Wie Funde zeigen, können sich Urwaldreste selbst in alten Parkanlagen verbergen, während manche Wälder, die uns groß und alt erscheinen, zu jung sind, um Urwald-Reliktarten zu beherbergen.

Insgesamt fanden Weigel und seine Kollegen rund 400 holzlebende und teils gefährdete Käferarten auf dem kaum 100 Hektar großen Waldbiotop. Die Ausbeute hätte laut Weigel sogar noch größer sein können. „Wir konnten aufgrund schlechten Wetters nur begrenzte Methoden in relativ kurzer Zeit anwenden“, sagt Weigel: „Dabei hat das Gebiet dank seiner Beschaffenheit ein riesiges Potenzial. Was wir gefunden haben, vermittelt daher nur einen kleinen Eindruck des beeindruckenden Artenreichtums, den man hier noch erwarten kann.“

Waldbiotop dauerhaft unter Prozessschutz gestellt

Wie wertvoll Sielmanns Waldbiotop Schwäbische Alb für die Natur ist, zeigte in der Vergangenheit bereits eine Erfassung von Pilzen, bei der über 700 Arten gefunden wurden. Auch zahlreiche Fledermausarten und seltene Vögel leben hier. Um das Gebiet auch weiterhin in seiner Besonderheit zu bewahren, erwarb die Heinz Sielmann Stiftung seit 2019 rund 95 Hektar Laubwald bei Weißenstein. Alte Bäume werden hier gezielt erhalten, Totholz wird nur dann entfernt, wenn es für die Verkehrssicherung notwendig ist.

„Der Wald in Weißenstein entwickelt sich entsprechend seiner Naturdynamik, das heißt, wir wollen ihn nicht aktiv steuern“, sagt Dr. Heiko Schumacher, Leiter des Geschäftsbereichs Biodiversität bei der Heinz Sielmann Stiftung: „Wir greifen lediglich ein, wenn es um Verkehrssicherung geht oder wenn das Naturerlebnis zum Beispiel durch angelegte Wanderwege unterstützt werden kann.“ Durch die behutsame naturschutzfachliche Betreuung der Stiftung soll das Waldbiotop auch künftig als Lebensraum für eine Vielzahl von Arten erhalten bleiben.

Mehr über Sielmanns Waldbiotop Schwäbische Alb erfahren Sie hier.

Erfolg

Auf einer Naturschutzfläche der Heinz Sielmann Stiftung im Bayerischen Wald wurde ein Schwarzstorch (Ciconia nigra) durch eine Kamerafalle dokumentiert. Der scheue Waldbewohner stapft auf der Videoaufnahme durch einen der neu angelegten Tümpel und stochert mit seinem spitzen Schnabel im flachen Wasser. Die Beobachtung gilt als bemerkenswert– nicht nur, weil diese Art schwer zu erfassen ist.

„Das Auftauchen des Schwarzstorchs kann als Beweis dafür betrachtet werden, dass die richtigen naturschutzfachlichen Maßnahmen bereits in kurzer Zeit artenreiches Leben in einen vormals monotonen Fichtenbestand bringen können“, sagt Bernhard Gohlke, Leiter von Sielmanns Biotopverbünden Ostbayern.

Kahlschlag und Wiedervernässung für den Naturschutz

Die sieben Hektar große Projektfläche, direkt neben dem Nationalpark gelegen, wurde 2022 von der Heinz Sielmann Stiftung erworben. Im vergangenen Jahr musste dort ein großflächig von Borkenkäfern befallener standortfremder Fichtenbestand entfernt werden.

„Zeitgleich mit der Rodung haben wir die Wiedervernässung des Geländes eingeleitet. Das war ein wichtiger Schritt, um das Moor zu reaktivieren, Kohlenstoff zu speichern und seltene Arten zurückzubringen“, erklärt Bernd Kannenberg den Zweck der Maßnahmen. Der Fachmann für Wiedervernässung wurde von der Stiftung mit der Projektbetreuung beauftragt.

Etwa die Hälfte der Flächen wurde bereits wieder vernässt. Schon nach einem Jahr zeigen sich messbare positive Ergebnisse für die Natur: Das Laichaufkommen des Grasfrosches ist etwa um das Fünfzehnfache gestiegen. „Das dürfte einer der Gründe sein, warum der Schwarzstorch hier regelmäßig auftaucht. Er ernährt sich unter anderem von Kaulquappen und den Hüpferlingen (Jungfröschen)“, erklärt Kannenberg.

Wertvoller Lebensraum für viele weitere Arten

Der Schwarzstorch gilt als extrem störungsempfindlich. Im Gegensatz zum weithin bekannten Weißstorch meidet er Menschen und wird daher nur selten gesichtet. Er besiedelt ruhige, strukturreiche Wälder mit Feuchtgebieten. Leider sind solche Lebensräume immer seltener geworden. „Unsere Fläche bietet mit ihren offenen Wasserzonen bereits jetzt ideale Bedingungen für den Schwarzstorch, aber auch für Amphibien, Reptilien und viele weitere Arten“, freut sich Bernhard Gohlke.

Der Schutz von Amphibien und Reptilien ist ein wichtiges Ziel der Wiedervernässung. Insbesondere die Bestände der Kreuzotter sollen durch das Anlegen von Winterquartieren gefördert werden. Parallel dazu entstehen Amphibiengewässer. Die Kreuzotter ernährt sich, genauso wie der Schwarzstorch, von Amphibien. Zugleich bieten die zahlreichen Insektenarten, die von den Gewässern angezogen werden, eine Nahrungsgrundlage für viele Vogelarten, Fledermäuse und weitere Tiere.

Langfristige Pflegemaßnahmen erforderlich

Um die Fläche dauerhaft frei von Gehölzen zu halten, bedarf es einer kontinuierlichen Landschaftspflege. Die Moorflächen werden durch Galloway-Rinder beweidet, die erfahrungsgemäß gut in nassen Gebieten zurechtkommen. Die bislang noch trockenen Offenlandflächen werden extensiv gemäht. Auch sie sollen in Zukunft wiedervernässt werden.

„Standortfremde und monotone Wälder sind nicht nur sehr anfällig für Krankheiten und Schädlinge, sie besitzen kaum einen Wert für den Klima- und Biodiversitätsschutz. Unser Projekt zeigt, dass eine Reaktivierung von Niedermoorlandschaften an geeigneten Standorten extrem effizient sein kann“, betont Gohlke. In der Region hat die Heinz Sielmann Stiftung in den vergangenen Jahren insgesamt 21 Hektar Grund erworben. Weitere Projekte dieser Art sind hier bereits in Planung.

Erfolg

Die Heinz Sielmann Stiftung hat eine umfangreiche Pilzuntersuchung auf ihrer Waldfläche bei Schloss Weißenstein in der Stadt Lauterstein veranlasst. Die aktuellen Auswertungen des Monitorings aus den Jahren 2021 bis 2024 haben ergeben, dass das Waldbiotop eine wahre Fundgrube für seltene und bedrohte Pilzarten ist: Insgesamt 691 Arten[1] wurden auf Flächen des 96 Hektar großen Areals entdeckt.

Die tatsächliche Zahl der vorkommenden Pilzarten dürfte sogar noch deutlich höher liegen. „In den Untersuchungsjahren hatten wir sehr trockene Sommer- und Herbstmonate, keine optimalen Wuchsbedingungen. Daher gehen wir davon aus, dass es auf der Fläche noch weitaus mehr Arten gibt, als wir erfasst haben“, erklärt Dr. Heiko Schumacher, Leiter des Bereichs Biodiversität der Heinz Sielmann Stiftung.

Neufund für Deutschland

Die Ergebnisse zeigen beispielhaft, dass die steilen und deshalb kaum bewirtschafteten Hangwälder der Schwäbischen Alb wertvolle Refugien für die Natur und besonders auch für Pilze sind. Sogar ein Neufund für Deutschland wurde erfasst: Das Österreichische Stromakissen[2] ist ein parasitärer Pilz, der den im Waldbiotop häufig gefundenen Dornigen Wachsrindenschwamm[3] befällt.

Wertvolles Refugium für bedrohte Arten

19 der im Waldbiotop entdeckten Pilzarten stehen auf der Roten Liste für gefährdete Arten, darunter der vom Aussterben bedrohte Korallenrote Saftling[4]. „Saftlinge und ihre Begleitpilze[5] finden heute nur noch wenige geeignete Lebensräume, da sie auf nährstoffarme Böden angewiesen sind“, erläutert der Pilzexperte Dr. Lothar Krieglsteiner, der von der Heinz Sielmann Stiftung mit dem Monitoring beauftragt wurde.

Früher seien sie auf der Schwäbischen Alb sehr häufig vor allem auf Heideflächen und Magerwiesen gewachsen. Durch die intensive Bewirtschaftung dieser Flächen sind sie dort aber stark zurückgedrängt worden. In Sielmanns Waldbiotop Schwäbische Alb hat sich der seltene Pilz glücklicherweise halten können.

Pilze sind Wald- und Klimaschützer

„Ich habe auch einige bemerkenswerte Mykorrhiza-Arten entdeckt, einer davon ist der Rotscheibige Täubling[6]“, erklärt Krieglsteiner. „Meiner Kenntnis nach konnte ich diese Art zum ersten Mal auf der Schwäbischen Alb nachweisen. Deutschlandweit wurde sie erst dreizehnmal dokumentiert.[7]“ Mykorrhiza-Pilze gehen Symbiosen mit den meisten Pflanzen ein und versorgen sie mit wichtigen Nährsalzen.[8]  Ihr weit verzweigtes Netz unter der Erde ist für die Wasserversorgung der Pflanzen unersetzlich. Der Rotscheibige Täubling lebt vornehmlich mit Buchen zusammen.

Waldböden mit einem dichten Pilzgeflecht binden nachweislich um ein Vielfaches mehr CO2 als solche mit geringem Pilzvorkommen. Pilze machen Wälder außerdem resistenter gegen die steigenden Temperaturen durch die Klimaerwärmung. Sie versorgen, beschützen und verjüngen die Wälder. Dass Pilzschutz auch Klimaschutz ist, wird bis heute jedoch noch kaum berücksichtigt.

Weniger Eingriff ist mehr

Tote oder kranke Bäume und nährstoffarme Böden sind wichtige Lebensgrundlagen für viele Pilze. Vor allem intensive Forstwirtschaft und Stickstoffeinträge bedrohen das Pilzreich im Wald. „Unser Waldbiotop in Weißenstein ist ein weitgehend unberührter Altwald. Wir lassen die meisten alten und absterbenden Bäume stehen und greifen nur zum Zwecke der Verkehrssicherung ein“, erläutert Dr. Heiko Schumacher: „Die hier vorgefundene Vielfalt an Pilzarten zeigt, wie wirkungsvoll es ist, wenn wir der Natur Räume zur freien Entwicklung überlassen.“  

 

 Weitere Hintergründe zum Thema können Sie im Experteninterview mit Dr. Lothar Krieglsteiner nachlesen.

Mehr über Sielmanns Waldbiotop Schwäbische Alb erfahren Sie hier. 

 

[1] 39 dieser Arten zählen zu den Schleim- und Eipilzen, die streng genommen keine Echten Pilze sind. Mit Hilfe der Molekulargenetik wurde diese Erkenntnis in den 1990er Jahren abgesichert und bestätigt.

[2] Wissenschaftl. Name: Trichoderma austriacum

[3] Wissenschaftl. Name: Eichleriella deglubens

[4]Wissenschaftl. Name: Hygrocybe constrictospora

[5] Sogenannte Saftlingsgesellschaften

[6] Wissenschaftl. Name: Russula rhodella

[7] Vgl. Datenbank der Deutschen Gesellschaft für Mykologie: www.pilze-deutschland.de 

[8] Vor allem Stickstoff- und Phosphorverbindungen

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