Kinder und Jugendliche wachsen heute wie selbstverständlich mit dem Internet auf und können sich ein Leben ohne Smartphone und soziale Medien kaum noch vorstellen. Gleichzeitig wird oft behauptet, dass durch die intensive Nutzung neuer Medien das Interesse an der Natur abnimmt. Stimmt das wirklich und wie kann die junge Generation wieder mehr für Umwelt- und Naturschutzthemen begeistert werden? Diese Frage wurde bei der 27. Ausgabe der Benediktbeurer Gespräche im Don Bosco Kloster Benediktbeuern kontrovers diskutiert.
Dass das diesjährige Thema beiden Veranstaltern besonders am Herzen liegt, machten Benedikt Hartmann, Einrichtungsleiter des Don Bosco Klosters Benediktbeuern und des Naturschutzzentrums ZUK e.V., und Jochen Paleit, Vorstandsvorsitzender der Heinz Sielmann Stiftung, in ihren einführenden Grußworten deutlich. Das Don Bosco Kloster mit seinem Bildungs- und Naturschutzzentrum gehört zu den größten Einrichtungen für außerschulische Umweltbildung in Bayern. Die Heinz Sielmann Stiftung betreibt drei Natur-Erlebniszentren in Niedersachsen und Brandenburg. Beide Institutionen bieten rund ums Jahr vielfältige Angebote für Schulklassen, Kindergruppen, Familien und Lehrkräfte an.
Studien belegen zunehmende Naturentfremdung
„Durch die täglich mehrere Stunden andauernde Bildschirmzeit bleibt Kindern und Jugendlichen heute weniger Zeit für Aktivitäten im Freien“, stellte Dr. Lutz Spandau, Vorsitzender des Kuratoriums Don Bosco Kloster Benediktbeuern, in seiner Anmoderation fest. Das gehe auch mit einem veränderten Umweltbewusstsein einher. „Wer Natur hauptsächlich durch Fotos und Videos erlebt, entwickelt keine emotionale Bindung mehr zu ihr. Droht dadurch eine ganze Generation für den Naturschutz verloren zu gehen?“, fragte Spandau und überließ die Antwort den vier eingeladenen Referentinnen.
Prof. Dr. Andrea Möller, Professorin amKompetenzzentrum für Didaktik der Universität Wien und Mitglied im Stiftungsrat der Heinz Sielmann Stiftung, attestierte ebenfalls eine allgemein sinkende Naturverbundenheit. Grund dafür seien aber nicht allein die digitalen Medien. Ein anderer maßgeblicher Faktor sei die weiter fortschreitende Verstädterung, die dazu führt, dass Menschen heute die meiste Zeit in Innenräumen verbringen. Neueste Studien würden zeigen, dass junge Menschen heute bis zu 19 Stunden am Tag ihre digitalen Geräte nutzen. Das führe einerseits zu einer hohen Abhängigkeit, andererseits zu immer weniger realer Naturerfahrung und -kenntnis. „Kinder kennen heute mehr Pokémons als reale Tiere. Die Hälfte der Jugendlichen in Deutschland hat noch nie einen Dachs oder Fuchs gesehen“, bilanzierte Möller.
Social-Media-Verbot ist auch keine Lösung
Die Biologin und Ornithologin Dr. Auguste Prinzessin von Bayern machte in ihrem Vortrag aber auch klar, dass dieses Problem längst nicht neu sei. „Naturentfremdung findet heute mindestens schon in der zweiten Generation statt“, sagte sie, betonte aber auch: „Wir sollten die neuen Medien auch als Chance sehen und digitale Werkzeuge als Interfaces zur Natur nutzen.“ Längst nicht alles sei schlecht an den neuen Medien. Darin waren sich die Expertinnen einig. Forderungen etwa nach einem Social-Media-Verbot für unter 16-Jährige erteilten sie eine klare Absage. Statt pauschale Verbote zu erteilen, müsste Jugendlichen vielmehr die nötige Medienkompetenz vermittelt werden.
„Ich plädiere dafür, Digitalisierung und Ökologie nicht gegeneinander auszuspielen“, schloss sich auch Dipl.-Psychologin Lea Dohm von der Deutschen Allianz Klimawandel und Gesundheit an. Man müsse die Jugendlichen in ihrer eigenen Lebenswelt abholen und das seien neben der Schule und dem familiären Umfeld heute vor allem auch die sozialen Medien. Letztlich sei es in Sachen Naturverbundenheit nicht entscheidend, wie häufig und intensiv junge Menschen digitale Medien nutzen, sondern wie viel Zeit sie in der Natur verbringen. „Die Frage ist also, wie bekommen wir die Jugendlichen möglichst oft in die Natur?“, bestätigte auch Möller.
Naturvermittlung mithilfe von Apps und Influencern
Annette Dieckmann, Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft Natur- und Umweltbildung (ANU), präsentierte eine ganze Reihe guter Beispiele, wie Naturthemen mithilfe digitaler Anwendungen zeitgemäß und niedrigschwellig vermittelt werden können. Ob mit Apps zur Bestimmung von Pflanzen und Vögeln, Virtual-Reality-Anwendungen, Geogames im Freiland oder partizipativen Citizen-Science-Projekten ließen sich vielseitige Anreize schaffen, vor die Tür zu gehen und direkte Naturerfahrungen zu sammeln.
Gleichzeitig brauche es aber auch starke Vorbilder, die Naturverbundenheit vorleben und zum Nachahmen animieren. Wenn das nicht die Eltern sind, können das Naturschutz-Influencer wie Robinga Schnögelrögel oder Farina Graßmann sein. Mit kurzen aber fundierten Beiträgen und gutem Storytelling erreichen sie auf Instagram und anderen Plattformen eine wachsende Fangemeinde.
Lehrpläne entschlacken, Umweltbildung stärken
Genauso wichtig ist es laut Dieckmann, junge Eltern und Lehrkräfte zu erreichen. „Wenn ich heute in einer Fortbildung für Pädagog:innen die Frage stelle, wer sich traut, einen Käfer mit den bloßen Händen anzufassen, melden sich von zehn Personen höchstens noch zwei oder drei", erzählte Dieckmann. Ängste und Ekel vor Natur seien häufig in Familien tradiert und würden von den Eltern übernommen. Umso wichtiger sei es, Naturerfahrungen wieder stärker in Kitas und im Rahmen des Schulunterrichts zu ermöglichen. Hierfür müssten aber die Lehrpläne deutlich entschlackt und Lehrkräfte entsprechend fortgebildet werden. Die Devise müsse lauten „Waldbaden statt Nachsitzen!“, brachte es Auguste von Bayern auf den Punkt.
Außerschulische Bildungseinrichtungen wie das Don Bosco Kloster Benediktbeuern oder Sielmanns Natur-Erlebniszentren übernehmen dabei eine bedeutende Rolle und stellen qualifizierte Angebote bereit, die im schulischen Rahmen häufig fehlen. Umso wichtiger sei es, dass Schulen die notwendigen Förderungen und Möglichkeiten erhalten, solche Angebote auch wahrzunehmen.
HINTERGRUND
Benediktbeurer Gespräche im Kloster Benediktbeuern
Die Benediktbeurer Gespräche sind ein jährlich stattfindendes Symposium, das sich zentralen Themen des Natur- und Umweltschutzes widmet. Im Jahr 2023 wurde das traditionsreiche Veranstaltungsformat neu aufgelegt und wird seitdem vom Zentrum für Umwelt und Kultur im Kloster Benediktbeuern (seit 01.01.2026: Naturschutzzentrum ZUK e.V.) in Kooperation mit der Heinz Sielmann Stiftung veranstaltet.

